Schutzlos der Spekulantin ausgeliefert: Der Oranienspäti schwebt nach wie vor im Ungewissen

Anfang 2017 erfuhr Familie Tunç, die in der Oranienstraße 35 den mittlerweile ikonischen Spätkauf mit dem kämpferischen Transparent über der Eingangstür betreibt, dass ihr Haus von der Bauwerk Immobilien GmbH erworben worden war. Familie Tunç konnte aufgrund eines verlorenen Rechtsstreits mit dem Voreigentümer nicht von einer Option auf Verlängerung ihres ursprünglichen Mietvertrages Gebrauch machen. Als die neue Eigentümerfirma sich nicht auf Verhandlungen über einen neuen Vertrag einlassen wollte, begann auch mithilfe von Bizim Kiez die Mobilisierung zu Protesten. Sie zeigten Erfolg: die Immobiliengesellschaft sieht bisher von einer rechtsgültigen Räumung des Oranienspätis ab, und ließ sich sogar zu Gesprächen über einen neuen Vertrag bewegen, die sie später jedoch abbrach. Jetzt macht sie ihre verdrängerischen Absichten wieder deutlich. Der Kiez ist alarmiert.

Über ein Jahr Funkstille

Familie Tunç wartet seit über einem Jahr darauf, dass die Bauwerk Immobilien GmbH, Eigentümerfirma ihres Gewerberaums, sich zum Entwurf des Mietvertrages äußert, den ihr Anwalt Ende August 2017 an deren Geschäftsführerin Anke Polster versandt hatte. Es handelt sich dabei um einen Gegenvorschlag zu einer Vertragsvorlage seitens der Firma, mit welcher diese mehr als das Doppelte der bisherigen 1350 Euro Monatsmiete für den Späti verlangte, indem die Kellerräume des Oranienspätis, die für dessen Betrieb gar nicht nutzbar sind, neuerdings in die vermietete Ladenfläche mit einberechnet werden sollten. Für Zekiye Tunç, Inhaberin des Gewerbes, war das nicht annehmbar: ein Mietpreis von faktisch über 40 Euro pro Quadratmeter wäre das Ende ihrer wirtschaftlichen Existenz.

Verhandeln unerwünscht – “Friss oder stirb“

Seitdem Frau Polster aber den Entwurf erhalten hat, schweigt sie. Bei der Bauwerk Immobilien GmbH scheint ein Verständnis von “Geschäfte betreiben“ zu herrschen, bei dem eine Partei – nämlich sie selbst – einseitig Bedingungen diktiert, und die andere Partei – hier Familie Tunç – diese völlig zu akzeptieren hat. “Friss oder stirb“. Als die Familie jedoch selbstbewusst das Feld der Verhandlungen betrat, um trotz schwächerer Position die Konditionen für sich ein wenig zu verbessern, entzog ihr die Immobiliengesellschaft sofort komplett die schmale Verhandlungsbasis. Anke Polster scheint Zekiye Tunç spüren lassen zu wollen, dass sie sie nicht als würdige Geschäftspartnerin betrachtet.

Die Ausbeutung der Oranienstraße: Arroganz und Respektlosigkeit der Immobiliengesellschaften

Eine solche Eroberungs- und Besatzungsmentalität ist in der Oranienstraße bei Verhandlungen der Gewerbetreibenden mit den Eigentümer*innen ihrer Räume leider eher die Regel. Immer wieder klagen die Ladeninhaber*innen nicht nur über vollkommen absurde Mietforderungen, sondern auch über die Arroganz und Respektlosigkeit ihrer Vermietergesellschaften ihnen und ihrem Lebenswerk gegenüber. Dabei haben insbesondere sie mit ihrer Arbeit diese Straße zu einer beliebten Meile mit internationaler Stahlkraft gemacht – so sehr, dass es nun leider auch räuberische Firmen wie die Bauwerk Immobilien GmbH und ihre rücksichtslose Geschäftsführerin Anke Polster auf den Plan gerufen hat.

Der Oranienspäti befindet sich seit über einem Jahr in Unsicherheit – und im Widerstand

Zermürbung und Einschüchterung

Die hatte bisher freilich weder das Interesse, noch den Anstand, mit Familie Tunç persönlich ins Gespräch zu kommen, um sich ein Bild davon zu machen, wen sie da eigentlich aus dem Kiez verdrängen will. Stattdessen taucht immer wieder ein gewisser Michael Reinecke auf, der bei Recherchen zu dubiosen Immobiliendeals aufgefallen ist, und für die Bauwerk Immobilien GmbH nicht nur mit dem Späti von Familie Tunç sondern auch mit der Änderungsschneiderei nebenan befasst war. Die Betreiberin der Schneiderei hatte letztes Jahr einen neuen Vertrag mit einer Miete weit über ihrer eigentlichen Schmerzgrenze unterschrieben – auch, weil die Bauwerk Immobilien GmbH in Person von Michael Reinecke auf Zermürbung setzt. Geschichten über dessen Benehmen bei diversen Verhandlungstreffen mit Mieter*innen machen im Kiez längst die Runde. Sie zeichnen das Bild eines launischen Zynikers, dem es fast ein wenig Spaß zu bereiten scheint, mit der Macht über das (nicht nur…) wirtschaftliche Schicksal anderer zu spielen. So besucht Reinecke Zekiye Tunç regelmäßig in ihrem Späti – unangekündigt und ohne erkennbare geschäftliche Absichten, wie um daran zu erinnern, wer hier Herr im Hause ist. Neulich hat er sich auch den Keller zeigen lassen, obwohl er eigentlich eine offizielle Besichtigung der Räumlichkeiten formal ankündigen muss.

Räumungsurteil als Botschaft

Ende letzten Monats betrat nun ein richterlicher Bote den Laden, um Zekiye Tunç das rechtskräftige Urteil zur Räumung zu überreichen – obwohl es bereits letztes Jahr, nach der Urteilsverkündigung, ihrem Anwalt zugestellt worden war, der sie ja in ihren Rechtsangelegenheiten vertritt. Solch eine wiederholte Zustellung eines längst gültigen Urteils an die Gegenseite folgt keinerlei juristischen, wohl aber einer Einschüchterungs-Logik: „Wir können euch hier jeder Zeit rausschmeißen!“ – das ist die klare Botschaft an den Oranienspäti.

Und wieder: nachbarschaftliche Solidarität ist gefragt!

Es scheint, als würde es die Bauwerk Immobilien GmbH darauf anlegen, die Solidarität der Nachbarschaft für Familie Tunç erneut herauszufordern – so, wie schon einmal, vor mittlerweile über einem Jahr, als sich Nachbar*innen zur Support-Gruppe »ORA 35« zusammenschlossen und mehr als 3.000 Menschen ihre Unterschrift dafür leisteten, dass der Späti bleiben soll, als Aktivist*innen vor die Firmenadresse der Bauwerk Immobilien GmbH im Grunewald zogen, und sogar die BVV Friedrichshain-Kreuzberg eine Resolution verabschiedete, in welcher sie den Verbleib des Oranienspätis im Kiez unterstützte, sowie die Firma aufforderte, den Vertragsentwurf von Familie Tunç anzunehmen.
Unterstützung bekommt diese heute u.a. von der Initiative aus Gewerbetreibenden in der Oranienstraße »OraNostra«. Sie wird den Oranienspäti begleiten, und ihn in seinen Forderungen gegen die Bauwerk Immobilien GmbH mit aller nachbarschaftlichen Solidarität unterstützen. Den Anfang macht eine Kundgebung am Samstag, den 17.11. um 16 Uhr vor dem Späti in der Oranienstraße 35, von der aus sich die »OraNostra« geschlossen dem widerständigen Laternenumzug gegen Verdrängung anschließen wird (Beginn 17 Uhr am Heinrichplatz).

Auch wir als Bizim Kiez bleiben an dem Fall dran und fordern:

  1. Die sofortige Rücknahme des Räumungstitels gegen den Oranienspäti
  2. Die Rückkehr von Anke Polster zu Verhandlungen
  3. Ein langfristiger Verbleib des Oranienspätis zu realistischen Konditionen
Hier geht es zur Kundgebung “Für unseren Oranienspäti!“

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