Die Arbeit der Initiativen gegen Verdrängung der gewachsenen sozialen Strukturen aus der Innenstadt

Zeit online berichtet über verschiedene Initiativen und engagierte Menschen in den Kreuzberger Kiezen, die sich in gemeinsamer Arbeit gegen den Transformationsdruck des Großkapitals stellen. So wie Stadtentwicklung derzeit faktisch stattfindet, haben die Stadtnutzer*innen keinen Einfluss auf die Gestaltung der Stadt. Von einer demokratisch legitimierten Stadtentwicklung kann deshalb keine Rede sein und darum organisieren sich überall in der Stadt Initiativen, die hörbar machen, was Bewohner*innen wollen und brauchen.

Nachbarschaft als sozialen Wert für die Gesellschaft erhalten

Alle Investoren-Projekte sind vom Interesse geleitet, Profite zu erwirtschaften, die nicht der Gemeinschaft der Stadtbewohner*innen zukommen, sondern allein den Kapitalgebern. Nachbarschaften, die mit ihren auf persönlichen Beziehungen beruhenden Verbindungen als soziale Netze eine wichtige stabilisierende Aufgabe haben, werden dabei bewusst oder unbewusst zerstört. Der Gemeinwert von funktionierenden Nachbarschaften wird bisher gar nicht erfasst und kommt deshalb in der politischen Diskussion auch überhaupt nicht vor. Um dies zu ändern, arbeiten wir mit verschiedenen universitären Einrichtungen zusammen, die parallel zu unserem Community Building über Kundgebungen, Versammlungen und Netzwerken mit wissenschaftlichen Recherchen und Kartierungen sichtbar machen, was durch die Gentrifizierung und die damit verbundene Verdrängung verloren geht. So wollen wir mehr Bewusstsein dafür schaffen, welche urbane Qualität von Zusammenleben geschützt werden muss – zum Wohle der Gesellschaft.

Gemeinsamkeit als einzige Chance

Bizim Kiez stärkt seit Jahren nach Innen den Zusammenhalt der Nachbarschaft, die sich kleinräumig und in vielfältiger Weise mit unterschiedlichen mehr oder weniger abgegrenzten Gruppen überlagert und verknüpft. In unseren Kiezen steckt gerade im Aspekt der Vielfalt enorme solidarische Energie, die gegen den Angriff der Immobilienwirtschaft und der Konsumgesellschaft aufbegehrt. In der Vernetzung und Kooperation der verschiedenen Gruppen und Initiativen liegt der Schlüssel zur Entwicklung von gemeinsamer Stärke der Anwohner*innenschaft. Mit Aktionen, Kundgebungen, Demos und Öffentlichkeitsarbeit zeigen wir nach Außen unser Selbstbewusstsein und skandalisieren die Mechanismen zur Profit-abschöpfenden Verwertung unserer Kieze, wodurch viele Menschen konkret aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen werden. Derzeit führt jedes Immobiliengeschäft und jede Sanierung in unseren Straßen zu Verdrängung und damit zu Zwangsumsiedelungen. Individuelle Lebensentwürfe und die wirtschaftlichen Existenzen von Mieter*innen und Gewerbetreibenden werden zerstört. Leider ist das meist ein leiser Prozess, der von der Gesellschaft unbemerkt hingenommen wird, denn verdrängte Menschen sind schlicht nicht mehr da, um ihre Stimme zu erheben.

Google und Zalando zapfen Kreuzberg als Ressource an

Die Internet-Giganten Google und Zalando drängen nun mit sehr unterschiedlichen Konzepten in den Kiez: Google will im alten Umspannwerk am Landwehrkanal einen Google Campus als relativ kleinen Veranstaltungsort errichten, der als Inkubator für Start-Ups unterstützend wirken soll. Zalando hingegen möchte seine schnell wachsenden Standtorte rund um die Oberbaumbrücke zusammenführen und wird als alleiniger Mieter die sich gerade im Bau befindenden Gebäude auf der ehemaligen Cuvrybrache (32.000 qm Geschossfläche für ca. 2000 Mitarbeiter*innen) beziehen und ringsherum ca. 7.500 Beschäftigte zusammenziehen.

Die Google-Ansiedelung wird sich besonders preissteigernd auf die Situation im Bereiche Gewerbeflächen auswirken, denn mit Fremdkapital ausgestattete Start-Ups werden versuchen die Nähe zum Google Campus als Standortvorteil zu nutzen. D.h. junge Firmen mit einem Vorschuss an Zukunftshoffnung und der Freiheit sich auszuprobieren werden die kleinteilige Realwirtschaft (Läden zur Anwohner*innenversorgung, Handwerker und Dienstleistungsbetriebe) verdrängen und zumindest kurzfristig Mieten bezahlen können, die weit über dem liegen, was mit echter Geschäftstätigkeit erwirtschaftet werden kann. Ein gefundenes fressen für die Immobilienwirtschaft. Soziale Einrichtungen wie Kitas usw. haben in einem solch hochgepuschten Markt ohnehin gar keine Chance.

Zalando hingegen möchte die Hippness von Kreuzberg als Standortvorteil zum Aufbau ihrer “Human Resources” nutzen. Junge Menschen mit technologischen und betriebswirtschaftlichen Ambitionen werden derzeit massive von Zalando angeworben und bestens bezahlt, was im krassen Kontrast zu den miserablen Arbeitsbedingungen im Bereich Logistik innerhalb des gleichen Unternehmens und außerhalb der Stadt steht. Die auf extremes globales Wachstum ausgelegte Unternehmensstrategie von Zalando wird sich lokal insbesondere auf den Wohnungsmarkt auswirken und den Verdrängungsdruck gegenüber Menschen mit wirtschaftlich geringeren Einkünften massiv erhöhen.

Nachhaltiges Modell Kreuzberg selbstbewusst stärken

Doch Kreuzberg ist nicht nur jung, frech und naiv, sondern auch erfahren, geübt und solidarisch. Wir lassen uns nicht einfach aussaugen und abkassieren. Wir verteidigen gewachsene und lebendige Strukturen, die über Jahrzehnte große Belastbarkeit, Stressresistenz, Durchlässigkeit und Entwicklungsfähigkeit bewiesen haben. Gesellschaftliche Nachhaltigkeit zeigt sich hier bereits in der Rückschau auf die Entwicklung des Stadtteils, in dem das funktionierende Zusammenleben in Vielfältigkeit modellhaft existiert, das für andere urbane Bereiche noch als zukünftige Herausforderung bevorsteht. Leider sind es genau diese Eigenschaften (Social Skills) unserer urbanen Gemeinschaft, die von den Marketingabteilungen der Immobilien- wie der Internet-Firmen als attraktive weiche Faktoren zum Zwecke der Preissteigerung angezapft werden.

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