Rakete im Anflug: Rocket Internet zielt auf den Berliner Immobilienmarkt

Die Mieter*innen der Urbanstraße 67 sind alarmiert: eine Tochtergesellschaft von Oliver Samwers Venture-Kapital-Firma Rocket Internet ist dabei, ihr Haus zu kaufen. Das Unternehmen, dass sich mit der Aufzucht von Start-Ups im online-Handel einen Namen gemacht hat, stagniert, und soll in Immobilien und sogar in die Disruption des Immobilienmarktes investieren. Aber seit den Protesten gegen Google ist der Kiez auf den negativen Impact der Tech-Industrie vorbereitet. 

Deutsches Internetunternehmen „von Weltformat”

Rocket Internet wird vor allem in Verbindung gebracht mit zwei Namen: Zalando, der größten online-Versandplattform Deutschlands, und Samwer, d.h. den umtriebigen wie skrupellosen Samwer-Brüdern. Auf Wikipedia wird Rocket Internet als „börsennotiertes Beteiligungsunternehmen und Startup-Inkubator mit Sitz in Berlin“ bezeichnet. Es ist also eine Kombination aus Unternehmensberatung bzw. Start-Up-Schmiede, und Beteiligungsgesellschaft bzw. Risikokapital-Geberin. Nicht nur Zalando, das just einen Firmencampus nach Vorbild der Tech-Standorte im Silicon Valley an das Friedrichshainer Spreeufer gebaut, und damit deren Ideologie von “Spiel, Spaß und Arbeit“ in Berlin ein Denkmal gesetzt hat, ist mit Kapital von Rocket Internet entwickelt worden. Auch der Essenslieferdienst Delivery Hero oder Jumia, Afrikas größte Plattform für Online-Handel, wurden durch Rocket Internet groß. Das expandierende Unternehmen ist auf Entwicklungs- und Schwellenländer spezialisiert, wo es den Aufbau von in Industrieländern erfolgreichen Unternehmen kopiert.

Rocket Internet hat viel Geld – die Aktien sind aber wenig wert

Interessant ist Rocket Internet deshalb, weil der Aktienkurs des Unternehmens trotz der von ihm “großgezogenen“ und zumeist erfolgreich an die Börse gebrachten Firmen wie eben Zalando, Delivery Hero und Jumia unterhalb des Werts liegt, mit dem es 2014 selbst an die Börse ging. Aktien von Rocket Internet waren bis heute nie wieder so wertvoll, wie am Tag des  Börsengangs. Und das, obwohl letztes Jahr (11 Jahre nach der Gründung) das Unternehmen den ersten Jahresgewinn schrieb. Da ausserdem Delivery Hero dieses Jahr sein gesamtes Deutschlandgeschäft inklusive der Tochtergesellschaften Foodora, Lieferheld und Pizza.de an die Konkurrenz verkauft hat, sind die Kassen voll. Das Geld aber trauen Börsenspezialist*innen Rocket Internet nicht zu, wertbringend zu investieren. Grund dafür scheint ausgerechnet das Kerngeschäft der Firma zu sein: die Ausrichtung auf den Aufbau und Verkauf bzw. Börsengang von soliden und erprobten online-Handels-Plattformen. Der Markt hierfür wird zunehmend von einigen großen Konzernen dominiert, und Oliver Samwer ist anscheinend kein Mann riskanter Investitionen in Start-Ups, die ihn durch “Innovation“ – eine unerprobte Strategie, eine disruptivere Technologie o.Ä. – aufmischen könnten. Unter diesen Umständen aber werden die bei Rocket internet angehäuften Finanzmittel nicht besonders gewinnbringend angelegt, was ein langsameres Wachstum des Unternehmens erwarten lässt. Und weil geringeres Wachstum langfristig wiederum auf weniger bzw. langsamerer Rendite verweist, wird das Unternehmen an der Börse niedriger bewertet. Das ist ähnlich wie bei der Deutsche Wohnen, Vonovia & Co: als die Einführung des Mietendeckels beschlossen wurde, sanken deren Aktienkurse ab – weil eingefrorene Mieten in Berlin die Wachstumschancen und Renditeerwartungen dieser Immobilienkonzerne dämpfen könnten. In dieser Hinsicht sind sich börsennotierte Immobilienunternehmen und Venture-Kapitalist*innen im Tech-Sektor äusserst ähnlich: beide investieren lediglich zu Spekulationszwecken, und verlieren an Wert, sobald es sein könnte, dass ihre Investitionstätigkeit längerfristig beschränkt bleibt, wodurch sie weniger oder langsamer Profit abwerfen, als ursprünglich mal erwartet.

Flug der Rakete in neue Geschäftsfelder

Seit der letzten Hauptversammlung von Rocket Internet Anfang Juni dieses Jahres steht fest, dass die Strategie zur Überwindung der Stagnation lautet, neue Geschäftsfelder auszuloten, um das eigene Portfolio mit aussichtsreichen Start-Ups, Anteilen an aufstrebenden Unternehmen aufzufrischen – und Immobilien. Auch eins der genannten Geschäftsfelder im Tech-Sektor lässt aufhorchen, denn bei ihm geht es um nichts weniger als die digitale Transformation des Immobilienmarktes: Prop-Tech. Dass das alles nichts Gutes bedeuten kann, befürchten gerade vor allem die Mieter*innen der Urbanstraße 67, die sich zur Initiative Urban67 Bleibt zusammengeschlossen, und auch die Hauptversammlung von Rocket Internet besucht haben: Ihr Haus soll von einer Rocket-Tochter gekauft werden, und steht momentan im Verfahren zur Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts. Aber auch alle anderen Mieter*innen Berlins sollten sich den Begriff Prop-Tech merken, denn die Stadt gilt als internationaler Hotspot für die Prop-Tech-Branche. Wir werden uns also in Zukunft wohl eingehender damit auseinandersetzen müssen.

Mehr Infos zum Kauf der Urban 67 durch Rocket Internet und zu Prop-Tech finden sich im Beitrag »Rocket und die Immobilienwirtschaft« auf der Website der Kampagne gegen den Google Campus, als erster Text der neuen Rubrik “Beiträge zu Tech & Stadt“.

Hier geht es zum Beitrag über Rocket Internet und Prop-Tech auf der Seite der Kampagne gegen den Google Campus

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