Offener Brief an Matthias Kollatz, Finanzsenator von Berlin – Wrangelstr. 83

Sehr geehrter Herr Senator Kollatz,

unser Haus, das inmitten des sozialen Erhaltungsgebietes Luisenstadt liegt, kam nach dem Tod des Eigentümers Willi Kolberg vor vier Jahren durch ein sehr merkwürdiges Erbscheinverfahren in den Besitz der Stiftung Jüdisches Krankenhaus – inklusive vier weiterer Häuser. Zwei der Häuser sind mittlerweile bereits verkauft worden (eines davon wurde kurz darauf abgerissen), nun folgte der Verkauf unseres Hauses in der Wrangelstr. 83. Der Erblasser wollte seinen Nachlass als Stiftung der landeseigenen Charité vermachen, doch er landete bei der Stiftung Jüdisches Krankenhaus. Das Land Berlin sollte nach Willi Kolbergs Wunsch Verantwortung für seinen Nachlass tragen und für den Erhalt des bezahlbaren Wohnraums sorgen, in dem langjährige Mieter*innen noch zu sozial vertretbaren Mieten wohnen. Der Verkauf dieses Wohnraums zurück an einen privaten Investor lässt uns stark daran zweifeln, ob es tatsächlich ein politisches Interesse am Erhalt von bezahlbarem Wohnraum gibt.

Willi Kolberg lag der Schutz seiner Mieter*innen am Herzen, weshalb er ausdrücklich in seinem Nachlass schrieb: „Ich wünsche auf gar keinen Fall, dass meine Häuser verkauft oder anderweitig veräußert werden. Sie sind mein Lebenswerk.“ Er wollte zudem, dass die Häuser der Charité vermacht werden und gemeinnützig weitergeführt werden. Sorgen Sie bitte dafür, dass dieses überaus deutliche Vermächtnis respektiert wird! 

Wir sind 17 Menschen, die hier zwischen 6 und 43 Jahre lang wohnen, vier der jetzigen Mieter*innen bereits seit ihrer Geburt. Wir sind in den 12 Wohnungen eine lebhafte und gut funktionierende Hausgemeinschaft – mehr als nur Nachbar*innen. Gegenseitige Hilfestellung ist für uns selbstverständlich. Unsere Mieten rangieren zwischen 5 € und 8 € pro Quadratmeter und fünf Mietparteien erhalten Transferleistungen. Ein Verkauf an einen privaten Investor würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Ende dieser bunten Hausgemeinschaft bedeuten.  

Der Käufer hat bereits angekündigt, im begrünten Hinterhof bauen zu wollen. Der Stadt Berlin ginge durch den Verkauf also nicht nur bezahlbarer Wohnraum verloren, sondern auch ein Ort der Biodiversität. Denn unser Hof wirkt sich als Grünfläche von ca. 200 m² positiv auf das Klima aus. In unserem großen, bunten Garten lebt nicht nur seit fast 20 Jahren „unsere“ wilde Katze Hilde, es turnen nachts auch Marder um die Räder und Füchse überwintern. Innenhofbegrünung ist ein zentrales Ziel unseres dicht besiedelten Bezirks (ersichtlich z.B. in der Pressemitteilung vom 07.07.2020).  Bitte sorgen Sie dafür, dass diese wichtige Grünfläche erhalten bleibt. 

Unser Haus ist über 100 Jahre alt und da bleiben notwendige, erhaltende Renovierungen leider nicht aus – doch bei einem Instrument wie dem Vorkaufsrecht zur Erhaltung des sozialen Milieus kann und darf die Wirtschaftlichkeit nicht ausschlaggebender Faktor für einen Kaufentscheid sein!

Herr Senator Kollatz, Sie haben die Bedeutung Ihres Senats in Sachen Vorkaufsrecht selbst treffend in dieser Pressemitteilung vom 23. Juli 2019 beschrieben: „Mit einem Zuschuss, der verbunden ist mit Belegungsrechten für das Land, sorgen wir dafür, dass das Vorkaufsrecht ein wirksames Instrument bleibt. Der Wohnungsmarkt steht massiv unter Druck. Wir werden diese Lage nur entspannen und Mieterinnen und Mieter vor Verdrängung schützen, wenn wir den Neubau erfolgreich flankieren mit wohnungspolitischen Maßnahmen wie dem Vorkaufsrecht und dem Mietendeckel.“

Lassen Sie Ihren Worten Taten folgen – ohne Ihre Unterstützung droht uns genau jene Verdrängung, die Sie erwähnen. Der Käufer unseres Hauses hat bereits bei zwei anderen Objekten in unserer Straße bewiesen, dass er genau dem spekulativen Muster von Renovierung und Umwandlung in Eigentumswohnungen (siehe Wrangelstr. 20 und 79) folgt.

Die Zeit drängt! Die Frist für das Vorkaufsrecht läuft am 10. August aus. Wir sehen das Land Berlin ganz klar in der Verpflichtung, hier über den Bezirk vom Vorkaufsrecht Gebrauch zu machen und fordern den Senat für Finanzen auf, die notwendigen Zuschüsse hierfür schnellstmöglich bereit zu stellen! Wir sind Teil des Milieus, wir sind schützenswert!

Das Mieter*innenbündis „Willi wollt’s anders“ der Wrangelstraße 83

Die Forderung zum Erhalt des bezahlbaren Wohnraums wird unterstützt von

den Politiker*innen:

den Initiativen:

Den offenen Brief als PDF herunterladen

Wir rufen gemeinsam mit allen Unterzeichner*innen zur Demonstration am Dienstag, 28. Juli auf!
Start vor der Madonna Bar in der Wiener Str. 22

2 Kundgebungen und Demo dazwischen für die Wahrnehmung des Vorkaufsrechts

 

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