Bizim Cuvry Spree

Auf der ehemaligen Cuvrybrache in Kreuzberg entstehen zwei riesige Büroriegel. Hier soll ein einziger Mieter einziehen: Der Onlinehändler Zalando wird mit 2000 Mitarbeitern in den Kiez kommen. Das wird alle nachbarschaftlichen Verhältnisse verändern.


Der global operierende Kapitalismus kommt hier lokal an – in Berlin/Kreuzberg mit einem umstrittenen Bauvorhaben: auf der ehemaligen Cuvrybrache sollen zwei achtstöckige Bauriegel mit 32000 m² reiner Bürofläche entstehen. Die Pläne dafür sind 15 Jahre alt.

Die Ansiedelung von Zalando wird sich gravierend auf den Kiez auswirken.

Seit einigen Wochen ist bekannt, dass die gesamte Nutzfläche von einer einzigen Firma gemietet wird: Zalando. Europas größter Onlinehändler für Mode wird zum größten Akteur in einem Viertel, das bislang durch die Nähe und Nachbarschaft sehr unterschiedlicher sozialer Gruppen, Wirtschaftsweisen, Kulturen, ja Kontinente (Afrika und Europa) geprägt ist.

Mit der Ansiedlung von Zalando droht ein modellhaft funktionierender Kiez durch die Monokultur von 2000 Angestellten einer digitalen Elite aus dem Lot zu geraten. Jetzt schon steigen die Mieten für Wohnungen und Gewerbeflächen rasant. Eigentümer rings herum wittern gigantische Renditemöglichkeiten und bauen Luxuswohnungen mit Tiefgaragen. Zalando will explizit, dass seine Mitarbeiter auch im Viertel wohnen. Der Konzern will also auch Wohnimmobilien kaufen.

Wird Kreuzberg jetzt zu Zalando-City?

Zalando – und auf der anderen Seite des Görlitzer Parks Google – brauchen Kreuzberg als Kulisse. Sie wollen aus Kreuzberg Google & Zalando-City machen. Aber wir, die Menschen im Kiez, haben Zalando nicht bestellt und geben es gerne kostenfrei retour. Wir wollen dieses cultural grabbing nicht – wir bieten Kreuzberg nicht als Ressource für die Markenentwicklung der Internet-Giganten an.

Zalando in Kreuzberg: Da wird kein Schuh draus!

Was tun?

Für alle Aktivitäten und Argumentationen gegen die Mega-Ansiedlung brauchen wir tragfähige Prognosen, welche Auswirkungen auf die Stadt das Monster haben wird. Darum muss eine aktuelle Folgenabschätzungsstudie her, statt den 15 Jahre alten Gutachten!

Bizim Cuvry Spree fordert von der Politik, eine Studie in Auftrag zu geben. Alle offiziellen Gutachten sind mehr als 15 Jahre alt. Wir haben Fragen entwickelt, auf die wir eine Antwort erwarten. Hier sind unsere Fragen an die Stadtplanung für die Cuvrybrache.

Über die Finanzierung der Studie haben wir Gespräche beim Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) und Stadtrat Andy Hehmke von der Abteilung Wirtschaft (SPD) geführt und kürzlich beim Senat mit Stadtentwicklungs-Senatorin Katrin Lompscher (Linke).

Es gibt die konkrete Perspektive, mit dem Institut „Chair for Urban Design and Urbanization“ (CUD) an der TU Berlin zusammenzuarbeiten. Die Mitarbeiterinnen des Chairs, Anna Heilgemeir und Dagmar Pelger, haben bereits die Grundstruktur einer möglichen Studie entworfen und auf der Veranstaltung im tazcafé am 27. 6. vorgestellt. [Redebeitrag Anna & Dagmar]

Gegen die Bebauung und die geplante Nutzung des Cuvry-Geländes gehen Anwohner und Nachbar*innen schon seit längerem auf die Barrikaden:

Aus der langen und konfliktreichen Geschichte des Geländes:

  • Das Grundstück war bislang nie dicht bebaut. Bis 1925 war hier ein Flussschwimmbad, davor war es ein Park.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg ein Bunker der Senatsreserve („Wenn der Russe alle Wege dicht macht, brauchen wir was zum Beißen“) und mehrere Lagergebäude.
  • In den 1990ern siedelt sich am Strand der Spree (mit Sand!) der Jugenclub YAAM an und Freiluftateliers von Künstlern.
  • Nach Verkauf des Geländes an die Industrie-Verwertungs-Gesellschaft IVG (Töchter: BOTAG und Wertkonzept): Abriss aller Gebäude. Ein Dorfteich mit Grundwasser entsteht.
  • Um die Jahrtausendwende Planungen für ein großes Einkaufszentrum.
  • Reger, vielfältiger Widerstand gegen die Einkaufszentrums-Pläne.
  • 2001 nach einer sogenannten Bürgerbeteiligung wird ein Bauplan beschlossen. Die Einwände der Bürger sind kaum berücksichtigt. NACH DIESEM BAUPLAN BAUT HEUTE DER INVESTOR!
  • 2001 – 2012 Brache, gelegentliche Kunstaktionen, Blu malt seine berühmten Wandbilder, ein Flohmarkt, der Versuch das Guggenheim Lab dort anzusiedeln, scheitern am Widerstand der Nachbarschaft.
  • 2011 erste Besiedlung der Brache (siehe Niko Rollmanns Buch von 2016: „Der lange Kampf. Die ‚Cuvry‘-Siedlung in Berlin“). [Rollmann: Der lange Kampf.] [taz Interview]
  • 2012 ein neuer Eigentümer: die Terra-Contor (Artur Süßkind).
  • Er stellt im Juni 2013 Pläne zur Wohnbebauung vor, die Bewohner der Brache buhen ihn aus. [Youtube Video „Taksim in Kreuzberg?“, 41 Min. ]
  • Auf der Brache wohnen jetzt Globetrotter, Künstler, Leute aus Polen und dem Tschaad (aus der geräumten Gerhard-Hauptmann-Schule).
  • Winter 2013 bauen Sinti und Roma ein kleines Hüttendorf.
  • Der Senat verhandelt seit 2014 mit dem Investor über 25% Sozialwohnungen und einen neuen Bebauungsplan.
  • Die Lage auf dem Gelände ist schwierig, intern für die Bewohner und extern für die Anwohner.
  • September 2014: Brand und Räumung der Brache, viele Bewohner werden obdachlos
  • Anfang 2016: der Investor kündigt über Nacht die Verhandlungen mit dem Senat über Wohnbau und greift auf die alte Baugenehmigung und architektonische Pläne aus dem Jahr 2001 zurück.
  • Oktober 2016: Fällen der Kastanie in der Cuvrystrasse, der ältesten Kastanie des Viertels.
  • Dezember 2016: Die Initiative Bizim Kiez Cuvry Spree findet sich zusammen.
  • November 2016 Baubeginn auf der Brache mit seitdem Lärm, Erschütterung, Staub und Abgasen von zeitweise fünf Großbaggern, Totalversiegelung und Befestigung des Geländes mit über 200 Stahlbetonsäulen im Grund.
  • Mai 2017 wird bekannt, daß Zalando als einziger Mieter das gesamte Bauwerk anmietet.
Alles zum Cuvry-Spree-Areal (ex Cuvrybrache)