Der „Wilde Eber“ im Wandel der Zeiten – 2006

Taboreck, Wrangeleck, Lübbener Eck, Koks Eck, Egon Stoff, Kuckucksei oder zum Wilden Eber, so hießen die Kneipen früher im Wrangelkiez. Im Wilden Eber in der Oppelner Straße trafen sich aufrechte Bürger oder friedliche Lehrer, die sich für einen lebenswerten Kiez engagierten und bis spät in der Nacht ein oder mehr Bier tranken und von einer besseren Welt träumten. Als Nov.1989 nicht nur Rentner, sondern fast alle hinter der Oberbaumbrücke rüber liefen und sich kilometerlang in Reih und Glied wegen Begrüßungsgeld bei der Post anstellten, räumten sie anschließend mit 100 D Mark bewaffnet oder befreit – die Regale bei Penny oder Kaisers leer. Viele Gäste aus dem Wilden Eber waren darüber etwas verstört und manche flüchteten danach mit Frau und Kinderwagen in andere Bezirke.

Berlin: Oppelner Str. Nov. 89 nach der Maueröffnung


Wilder Eber

Der „Wilder Eber“ kam in den Zoo und verwandelte sich nach und nach in ein Internetcafé, wo jetzt drinnen und draußen, Jugendliche mit wenig Zukunft, aber mit viel Testosteron ihre Langeweile austoben und den wilden Eber oder die Sau rauslassen.

Drinnen im Laden will ich von Google und Wikipedia wissen, woher kommt diese aggressive Energie von Jugendlichen. Genau so schlau wie vorher verlasse ich den Laden und finde draußen eine moderne Kunstinstallation „gelber Schaumstoff, der aus einem Kunststoffbezug herausquillt“… Unter dem Kunstobjekt befindet sich ein Fahrrad. Das Fahrrad gehört mir und die Kunstinstallation „gelber Schaumstoff“ ist mein Sattel !!! Ich drehe am Rad und bin ehrlich gesagt – wenig amüsiert.

Eine junge Verkäuferin von einem Vollkornbäcker nebenan (Anmerkung: damals „Brotgarten“, heute Friseur) in der Nähe sieht mich und sagt leise, dass waren die und zeigt unauffällig auf die Kids. Wutentschlossen mit viel Adrenalin gehe ich zum Größten, augenscheinlich der Anführer und Boss und spreche ihn an.

Warum macht ihr so einen Blödsinn?
Warum Blödsinn – fragt er mich?
Na den Blödsinn und zeige auf das Kunstobjekt – „aufgeschlitzter Sattel“.
Waren wir das ?
Ja ihr wart das, sage ich energisch und klar!!

Sichtlich beeindruckt bestellt er seine Gruppe um sich und fragt: Wer von euch hat diesen Blödsinn verbrochen?! Verlegenes Schweigen, keiner will es gewesen sein, plötzlich sagt mutig und freudestrahlend ein etwa 12 jähriger Junge: ich klau dir einen neuen … Ich fühle mich geehrt, er will extra für mich einen neuen Sattel klauen … aber so löst man doch keine Probleme, sage ich sozialpädagogisch korrekt. Der Boss ist etwas enttäuscht, wiegt seinen Kopf von links nach rechts und sagt nach reiflicher Überlegung, „tut mir leid Mann“. Ich fahre los auf meinem aufgeschlitzten Sattel, innerlich jetzt eher amüsiert, einige aus der Gruppe rufen mir mitfühlend nach, „tut uns echt leid Mann….“ äußerlich eher ernsthaft.

Ein paar Monate später….
2 zwölfjährige Türkenkids wurden in der Wrangelstrasse von der deutschen Polizei verhaftet, in Handschellen gelegt, sie haben entweder einen Fahrradsattel oder einen MP3-Player geklaut. Kreuzberger türkischer Herkunft sind empört, als sie Kinder mit entwürdigenden Handschellen entdecken. Ein zwölfjähriger mit deutscher Herkunft würde nie erwischt, verhaftet und gedemütigt in Handschellen gelegt. Sie schimpfen, fluchen, die Vorurteile blühen und sprießen im Kiez, es wird gedrängt, geschubst, es spricht sich herum und die Polizei fühlt sich von 80 bis 100 Jugendlichen bedroht. Alles Lüge berichten die Anderen, jeder sieht sich im Recht, für die Zeitungen mit den dicken Balken – ein großes Geschäft, – die Krawalle und die brennenden Autos der Pariser Randbezirke werden zum Vergleich herangezogen. Eine Innenministerkonferenz wird einberufen, denn „die Freiheit muss nicht nur am Hindukusch, sondern auch in der Wrangelstr. verteidigt werden….“Medienleute überfallen den Kiez und jeder Jugendlicher der irgendwie türkisch oder arabisch aussieht erhält 20 Euro für ein Interview. Am früheren Wilden Eber sehe ich die Internetkids neugierig ihre Köpfe, vermutlich zum ersten Mal, in irgendwelchen deutschen Zeitungen stecken. Mittendrin im Getümmel – ihr Boss, umringt von Kameraleuten – beantwortet cool, souverän alle Fragen: Hindukusch? Noch nie gehört. Freiheit in der Wrangelstr.: „hmm – und denkt an Grafities oder aufgeschlitzter Sattel ? „Warum denn nicht…..“
Er ist stolz, in diesem Moment sehr wichtig und mit seinem blauen Auge – endlich ein Held.

Zu einem taz-Artikel über die damalige Zeit

1. Bild: Oppelner Straße, „Wilde Eber“, Anfang der 1980er. Foto: Werner Schucker
2. Bild: Mitte November 1989: DDR-Bürger beim Schlangestehen in der Oppelner für das Begrüßungsgeld. Foto: Röhrensee


Kiezgeschichte und Fotos von Ernst Weltner

Bizim Kiez Versammlung 26.8.2015

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