Kiezgeschichte: das Kerngehäuse, das Haus im Blockkern – 133

das Kerngehäuse, das Haus im Blockkern

Jeder Häuserblock in Berlin hat eine Nummer
(„ils sont fous ces Allemands !“ wie Obelix sagen würde). Auch hier im Kiez, unser Block – Wrangel-, Falckenstein-, Görlitzer- und Cuvrystraße – trägt die Nummer 133 und unser Haus liegt da mitten drin, Cuvrystr. 20-23.


 

Früher eine Fabrik für Spielzeug-Kindernähmaschinen bis 1973, ab dann waren verschiedene Mieter drin, unter anderem Taxi-Betriebe, ein Pauken Hersteller, eine Spinnerei, eine Tischlerei und 2 Wohnparteien, die allerdings nur Gewerbeverträge besaßen, aber letztere hatten ihre Etagen zu WGs ausgebaut, klar ohne Erlaubnis.

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Firmengelände – Cuvrystr. 20-23

Die eine WG war mit Taxis unterwegs, die andere hatte den Wunsch zu tischlern, zu Anfang, dank bester Kontakte als Kulissenbauer für den Film, damit konnte ein Betrieb angemeldet werden ohne ausgebildeter Tischler_in zu sein. Allerdings war der Raum, den sie anmieteten nur ein enger Schlauch. Aber die Ideen fehlten nicht: als Nachbarn hatten sie eine Firma, die in den Räumen Party Zubehör lagerte; zu jeder Party wurde das Lager etwas leerer, was die angehenden Tischler nutzten um die Trennwand jedes mal etwas zu verschieben und freuten sich, nicht nur über den gewonnen Platz, auch mit zu hören wie die Angestellten der Nachbarfirma schimpften, dass der Zubehör, Stehtische und sonstiges, nicht mehr rein passen wollte. Die gleiche WG wurde dann, weil der Vermieter mitgekriegt hatte, dass die Leute da wohnten, auf Räumung verklagt, was zu einem netten Ausgang führte, den ich hier nicht verschweigen will. Der Richter, ein junger Richter mit langem Haar, wie damals üblich, fragte den Vermieter ob die jungen Leute was kaputt gemacht hätten, was er verneinte, ob deren Umbau eine Verschlechterung der Lokalitäten seien, was er auch verneinte, ob er bei einer Neuvermietung einen zusätzlichen Profit daraus ziehen könnte, was er mit „aber natürlich“ beantwortete. Der Richter erwiderte dann, er verstehe nicht warum der Vermieter die WG verklagen würde, da er nur Profit daraus ziehen könnte und lehnte die Klage ab.

Die Mieter wurden nach und nach gekündigt. Daraufhin suchten diese WGs andere Gruppen, um die Räumlichkeiten, die nicht mehr vermietet wurden, zu besetzen um einen künftigen Abriss, der vorgesehen war, zu verhindern und um Druck auf die Vermieter auszuüben, weil sie Angst hatten, zum Winter könnte die Heizung abgeschaltet oder zerstört werden, da sie nun die alleinigen Mieter des Hauses waren. Dazu etwas zu den Eigentümern.

Der SO 36 war zum Sanierungsgebiet erklärt worden, was dazu führte , dass er immer mehr verkam. Geplant war eine Kahlschlagsanierung: alles wird abgerissen und neu bebaut wie in der Naunyn- Waldemarstraße heute zu sehen. Spekulanten und Großverdiener, besonders aus West-Deutschland, stürzten sich auf solche Gebiete, weil da gut zu verdienen war, Abriss und Wiederaufbau wurden beide subventioniert, und die späteren Mieten auch noch. Unser Haus , neben 6 weiteren im Block, hatte eine Gruppe gekauft bestehend aus den Herren Marx, Mewes und Oldenburg.

Am 1. November vor 35 Jahren wurde dann der Komplex besetzt, eine sog. Instandbesetzung, d.h. die Häuser wurden in Schuss gehalten, Fenster, Türen, Dächer repariert um darin zu wohnen und zu arbeiten. Höfe wurden in Gärten umgewandelt, Dächer zu Grünanlagen. Dies sollte zeigen, dass es sich lohnte diese Häuser wieder herzurichten , zu sanieren, was bei vielen Nachbar_innen auf Wohlwollen stieß, besonders bei Älteren.

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Spekulantenspiel

Als Besetzer_innen zogen nur ausgesuchte Gruppen ein, d.h. es gab nur WGs, die Räumlichkeiten suchten um ihre Projekte verwirklichen zu können: Künstler, die politische Aktivitäten, Theater ( 2-3 Gruppen) und Musik (dito) machen wollten, Handwerker_innen ließen sich nieder (2 Tischlereien, eine Druckerei, ein Sanitär-, ein Metallbetrieb), Dienstleister (weitere Taxis, eine Sprachschule, ein Gesundheitskreis, Musiklehrer_innen, später Statiker und Archtekten) und einige Studenten. Das Ganze selbstverwaltet in einem wöchentlichen Plenum. Wir hatten auch ein Motto „Leben und arbeiten im Kiez“.

Da die Gebäude im Blockkern lagen, wurden sie zum Kerngehäuse erkoren und ähnlich wie beim Apfel, wo aus dem Innern ein neuer Baum wachsen kann, sollte es zeigen, dass aus der Mitte der Gesellschaft etwas anderes, als der von den Eltern vorgezeichnete Weg entstehen kann.

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1983 die Besetzer

Nach dem Motto, schaut her, nehmt eure Zukunft in die eigenen Hände, tut was ihr träumt. Dieses Projekt wurde schnell bekannt, nicht nur dank eines Luftbildes aus dem Stern, sondern weil es als Vorzeigeprojekt in verschie- denen Medien dargestellt wurde im Gegensatz zur Springerpresse, die die Instandbesetzer_innen nur als Chaoten darstellte; Besetzungen waren ja illegale Aktionen und wurden kriminalisiert. Nach dem Motto „legal, illegal, scheißegal…“.

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Block 133

Besitzer Marx, ein FDP Politiker und Kunstmäzen, kam auch mal vorbei, nahm Kontakt auf und fand unser Projekt gut und bot an, er würde es für seinen Kaufpreis wieder an uns verkaufen. Deshalb zählten wir zu den verpönten Verhandlern. Unser Projekt wollten wir erhalten, unsere Utopien weiter entwickeln, das schon, aber nicht um jeden Preis. Solidarität wurde groß geschrieben.


 

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Am 10. Mai 1981 wechselte der Senat, zum ersten Male erhielt die CDU die Mehrheit der Stimmen bei den Senatswahlen. Deren Hartliner hatten versprochen mit den Illegalen und Chaoten aufzuräumen. Die Besetzungen, die vom SPD Senat geduldet worden waren, waren nun vorbei und für die bestehenden sollte es schnellstmöglichst eine Lösung geben. Von den ca. 167 besetzten Häusern wurde ein Drittel geräumt, ein weiteres Drittel kaufte ihre Häuser und die anderen bekamen Miet- und Pachtverträge. Wir kauften 1983 und waren legalisiert, gründeten einen Verein, der als Eigentümer des Komplexes eingetragen wurde, Mitglieder waren alle, die im Haus lebten oder arbeiteten. So ist es bis heute geblieben.

Einiges ist verschwunden, wie der Gesundheitsraum, vieles ist aber geblieben: die Werkstätten und Betriebe, die Sprachschule „Babylonia“, das „Ratibor Theater“, die Musikgruppen, sogar das „Büro für ungewöhnliche Maß- nahmen“, die Selbstverwaltung und das Einbringen in den verschiedenen AGs. Viele WGs haben die Zeit nicht überstanden, wen wunderts, 35 Jahren danach. Die Ruhe und Abgeschiedenheit im Blockkern macht es erträglich und wert in dieser Gemeinschaft zu leben und zu arbeiten. Einige Aktiven bei <bizim-kiez> können davon zeugen.

François aus dem Kerngehäuse

Ein Gedanke zu „Kiezgeschichte: das Kerngehäuse, das Haus im Blockkern – 133

  1. Ramsid

    Oh das habe ich ja noch gar nicht gewusst! Was für eine wundervolle Geschichte…trotz aller Schwierigkeiten wurde immer am Projekt festgehalten und heute, 37 Jahre später, besteht das Projekt nach wie vor. Das finde absolut hervorragend und wünsche dem Blockkern das Glück und die Unterstützung, die er verdient! Zum Glück besuche ich noch diese Sprachschule in Berlin und habe daher noch die Möglichkeit mal an diesem geschichtsträchtigen Ort vorbei zuschauen 😀 Danke für diesen absolut großartigen Beitrag !

    Viele Grüße

    Antworten

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