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WebTech-Urbanism: Konflikte um die Verräumlichung digitaler Ökonomie – mehrtägiger Workshop

13. Juni @ 19:00 - 16. Juni @ 13:00

Technologischer Wandel und das Anwachsen von anlagesuchendem Kapitel (Finanzialisierung) verhalfen Unternehmen mit internet-basierten Wertschöpfungsmodellen zu wachsender Bedeutung, und sie verfügen heute über erhebliche Mengen an Risikokapital. Die Veränderungsdynamiken der digitalen Ökonomie sind derzeit breit diskutiert – insbesondere im Hinblick auf Wirtschaftsstruktur und Arbeitsverhältnisse (Daum 2018).

Kaum systematisch sind dagegen neue Formen der Verräumlichung digitaler Ökonomie analytisch gefasst. Häufig wird eine zunehmende Polarisierung der Stadt und eine Verschärfung von Gentrifizierungsdynamiken erwartet (Kuhn 2014; Albers/Hartenstein 2017; Hartenstein 2017). Allerdings greift der Einfluss internetbasierter Unternehmen auf aktuelle Stadtentwicklung  offenbar breiter. Nicht nur kaufen und planen internet-basierte Unternehmen zunehmend Flächen in bestimmten Städten, von den Firmenzentralen in Paolo Alto bis zu Start-Up Hubs wie die Factory in Berlin Alt-Treptow oder The Library in Tel Aviv.

Zugleich werden Stadtplanung und die Optimierung städtischer Prozesse zu einem Geschäftsfeld der digitalen Ökonomie (vgl. UrbanTech, Smart City). Beispielsweise entwirft etwa die Google Tochter Sidewalk Labs in Toronto einen „Stadtteil der Zukunft“. Facebook baut ein eigenes Stadtviertel südlich seines Hauptquartiers in Silicon Valley (Hartenstein 2017). An diesen Prozessen setzt der Workshop an: Er fragt nach der Verräumlichung der neuen  digitalen Ökonomien und richtet dabei sein Augenmerk auf die Effekte und Implikationen für die Stadtentwicklung.

Im Fokus der Forschung zu städtischen Effekten der Verräumlichung digitaler Ökonomie steht bisher die erwartete Verschärfung sozialer Spaltungen und Konflikte. Kritiker/innen konzedieren zwar steigende Gewerbesteuereinnehmen, die einen Ausbau von Infrastrukturen erlauben, warnen jedoch vor erheblichen Schattenseiten: z.B. „Gentrifizierung, Wohnungslosigkeit, Verlust lokaler Identität“ (Albers/Hartenstein 2017:
17).

Die durch Venture Capital möglichen Einkommen und die damit verbundene Kaufkraft dynamisiert die sich vollziehende Veränderung lokaler Infrastruktur und die Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt. Einzelfallstudien, v.a. zur Metropolregion San Francisco/Sillicon Valley (vgl. McNeill 2016), zeigen: Die hochbezahlten, oft temporären Jobs der Digitalbranche und neue Subjektivierungen der Arbeitskräfte, können die lokalen Immobilien- und Arbeitsmärkte verändern. Denn hochpreisige temporäre Wohnformen wie Serviced Apartments mit W-LAN und Wäschedienst sowie neue Modi des vernetzten Arbeitens in Co-Working Spaces schaffen hochprofitable Immobiliensegmente, die in Konkurrenz zu weniger zahlungskräftigen Nutzungen stehen.

San Francisco hat inzwischen den US-weit unzugänglichsten Wohnungsmarkt. Selbst für mittlere Einkommen sind nur noch 14% der Häuser bezahlbar (Goode/Miller 2013). Die räumliche und zeitliche Flexibilisierung der Webtech-Beschäftigten verstärkt zugleich die Nachfrage nach personenbezogenen Dienstleistungen von der Essenslieferung bis zum Transportdienst. In einigen Städten befeuerte dies Debatten um die Prekarisierung von Arbeit und die Privatisierung von Infrastrukturen (z.B. in San Francisco, wo der private „Google Bus“ öffentliche Haltestellen und Fahrspuren nutzt).

Bezüglich der neuen  Stadtviertel, die die Digitalunternehmen gegenwärtig planen, problematisieren kritische Stadtforschung und soziale Bewegungen unzureichende Partizipationsmöglichkeiten, ein einseitiges Andressieren von Stadtbewohner/innen als Konsument/innen und die Dominanz von Unternehmensinteressen bei Technologieeinsatz und Datennutzung (vgl. Hollands 2014).

Die tatsächlichen Effekte auf die Stadtentwicklung hängen auch von lokalen Aushandlungsprozessen ab. Insbesondere am Beispiel Barcelona deutet sich an, dass Digitalisierungsprozesse in der Stadt bei entsprechendem politischem Willen auch anders gestaltbar sind (Morozov/Bria 2017).

Die Verräumlichung der digitalen Ökonomie trifft auf ein breites öffentliches Interesse – das zeigen die teils massiven politischen Proteste in San Francisco aber zuletzt auch in Berlin („Google ist kein guter Nachbar“- Initiative, „Google Campus verhindern“-Kampagne etc.). Die Forschung fokussiert bisher auf wenige Hot Spots der Internetökonomie wie z.B. die San Francisco Bay Area. Die teils dystopischen Einzelfallstudien (Lang 2014) und die breite Kritik an einer Digitalisierung des Städtischen (Rabari/Storper 2015), die meist auf Stadtteilplanungen und Smart-City-Visionen beruhen, können die Effekte auf lokale Stadtentwicklung nur grob andeuten.

Insbesondere ist noch offen, wie sich verbundene Prozesse in Berlin auswirken und an welchen Stellen politischer Steuerung sinnvoll ansetzen kann, um den erwarteten negativen  Entwicklungen zu begegnen. Über die Hälfte des in Deutschland investierten Venture Capital ist 2015 nach Berlin geflossen (IFSE 2016); der Slogan „the place to be for startups“ ist Teil der offiziellen Wirtschaftsförderungsstrategie des Berliner Senats (vgl. Berlin Partner 2018). Die Effekte der fortdauernden digitalen Restrukturierung der Berliner Wirtschaft auf Stadtentwicklung und städtische Konflikte sind ein relevantes Forschungsfeld mit internationaler Aufmerksamkeit. Der KOSMOS-gesponsorte Workshop erlaubt es, hier einen sichtbaren Auftakt zu organisieren und eine internationale, interdisziplinäre Kooperation anzustoßen.

Organisator*innen: Miro Born, Henning Füller & Jenny Künkel

13.06.2019 (Donnerstag) | 19:00 Uhr
Podiumsdiskussion: Kritische Perspektiven auf die Digitalisierung in Städten

14.06.2019 (Freitag) | 10:00 Uhr – 18:00 Uhr
Workshopphase (nur mit Anmeldung): Stadtspaziergänge, Expert*innengespräche, Gruppenarbeit

Ort: Schule für Erwachsenenbildung, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

14.06.2019 (Freitag) | 20:30 Uhr
Keynote von Prof. Dr. Ugo Rossi (ohne Anmeldung) – Titel “The contested common: Capturing and reclaiming value in the platform metropolis”  (auf Englisch)

Ort: Aquarium im Südblock, Skalitzer Straße 6, 10999 Berlin

Moderation: Prof. Dr. Margit Mayer

15.06.2019 (Sonnabend) | 10:00 Uhr – 18:00 Uhr
Workshopphase (nur mit Anmeldung): Stadtspaziergänge,
Expert*innengespräche, Gruppenarbeit

Ort: Schule für Erwachsenenbildung, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

16.06.2019 (Sonntag) | 11:00 Uhr
Abschlussdiskussion (nur mit Anmeldung)

Ort: Schule für Erwachsenenbildung, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin

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