Vintage Stuff: vom Konflikt mit einem Privateigentümer

Bizim Kiez ergreift als Gruppe Partei für diejenigen Menschen in unserem Kiez, die innerhalb der kapitalistischen Verhältnisse die Schwächeren sind. Der vorliegende Artikel spiegelt diese Grundeinstellung wieder, obwohl innerhalb der Gruppe unterschiedliche Meinungen zur Betonung der Perspektive des Mieters, sowie zur Färbung der Person des Eigentümers existieren. Es ist jedoch die Ansicht des Verfassers, dass die allgemein ungleichen Verhältnisse zwischen der Eigentümer- und der Mieterseite – wesentliches Element des Kapitalismus – beides rechtfertigen. Es ist wichtig, diese Ungleichheit bei der Betrachtung der jeweiligen Interessen beider Seiten nicht aus den Augen zu verlieren. Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei diesem Artikel um ein Stück Information, das sicherlich nicht erschöpfend die komplette Situation in all ihren Facetten wiedergeben kann.

Die Veränderung der Stadt wird zwar maßgeblich von großen Immobiliengesellschaften und millionenschweren Investor*innen vorangetrieben, aber trotzdem sind sie längst nicht alle von der Bildfläche verschwunden: die privaten Hauseigentümer*innen. Manchmal besitzen sie mehrere Objekte, manchmal auch nur eins. Nicht allzu selten stehen sie mit ihrem Hauseigentum in persönlicher Beziehung, kennen die Mieter*innen und nutzen noch selbst Räume darin. Viele Menschen denken, dass Privateigentümer das kleinere Übel des Immobilienmarktes seien, dass sie moralischer oder vernünftiger handeln, weil sie nicht (oder nicht so…) profitorientiert mit ihrem Eigentum umgehen. Man könne zumindest mit ihnen reden, während die großen Immobilienkonzerne als riesige, unpersönliche Komplexe erscheinen, in denen keine genaue Zuständigkeit und Schuld an Verdrängung ermittelt werden könne.
 Dass eben nicht immer mit dem eigenen Hauseigentümer zu reden ist, bzw. dass trotz des direkten Drahtes zu ihm die unterschiedlichen Perspektiven auf den Raum, den der eine besitzt, der andere aber benutzt, nicht immer auf einen gemeinsamen Nenner kommen können, zeigt der Fall des kleinen Second-Hand-Ladens Vintage Stuff in der Cuvrystr. 10.

Das Problem

Im November 2016 wurde Martin Grunau, Betreiber des Ladens im Keller der Cuvrystraße 10, die Kündigung zum 31.1.2017 ausgesprochen. Er hatte das Pech, im Konflikt zwischen dem Eigentümer und dem Hauptmieter der Räume, die er als Untermieter Anfang 2013 bezogen hatte, zwischen die Fronten geraten zu sein. Dieser Hauptmieter, eine gewisse De-Bisi GmbH, hatte sich mit dem Hauseigentümer überworfen. Dieser beanstandete unerlaubte Einbauten durch den Betreiber der De-Bisi GmbH, nämlich Verkleidungen der Wände mit Rigipsplatten und einen ebenfalls ungenehmigten Wanddurchbruch. Der Eigentümer, der von diesen Arbeiten schon vor dem Einzug des Vintage Stuff wusste, betrat dessen Räume Ende 2014 zum ersten Mal. Er bot Martin Grunau ein Jahr später einen direkten Mietvertrag an, allerdings nicht wie anfangs versprochen mit einer günstigeren Miete, sondern mit ungünstigeren Konditionen. So wollte er auch die Öffnungszeiten für den Vintage Stuff vorschreiben, was dessen Betreiber ablehnte. So blieb Martin Grunau Untermieter der De-Bisi GmbH, die im Besitz eines langjährigen Optionsmietvertrages war.

Die Perspektiven

Ende Juli 2016 gab es im Beisein aller drei Interessensparteien eine Begehung der Räumlichkeiten, bei der ein Stück der Wandverkleidung abgenommen wurde, um die Gebäudesubstanz dahinter zu testen. Der Eigentümer meinte, dass ein Stück Rigips zum Vorschein kam, das so feucht war, dass er “die Pappe mit dem Finger zu feuchten Krümeln verreiben konnte”. Er war verständlicher Weise über den Zustand seiner Kellerräume besorgt. Die Ansprechperson der De-Bisi GmbH, ein gewisser Ismail Koyun, weigerte sich zu dem Zeitpunkt weiterhin, die Platten zu entfernen. Und Martin Grunau betont, dass die Räume, deren Feuchtigkeitsproblem er anerkennt, durch seine Nutzung über die Jahre trockener geworden sind, und dass gar nicht sicher sei, ob ein kompletter Ausbau der Rigipsplatten noch notwendig sei. Diese liegen nicht direkt an den Wänden an, sondern in einem Abstand von einigen Zentimetern davor. Eine unabhängige, professionelle Ermittlung des tatsächlichen Zustandes der Räume durch einen Sachverständigen hat es weder zum Zeitpunkt der Begehung, noch später gegeben. Der Rechtstreit zwischen dem Eigentümer und der De-Bisi GmbH endete schließlich mit einem Vergleich: Letztere musste den Rückbau der Wandverkleidung nicht bezahlen, erklärte sich dafür aber bereit, die Räume zum 31.3.2017 an den Eigentümer zurückzugeben. Und Martin Grunau und sein Vintage Stuff ? Dieser erfuhr erst von dem Vergleich zwischen seinem eigenen Vermieter und dem Hauseigentümer, als ihm die Kündigung ins Haus geflattert kam.

Die Geschichte hinter dem Vintage Stuff

Martin Grunau gehört einer alten Generation von Zugezogenen an, deren bewegte persönliche Geschichte charakteristisch für die Offenheit und Abenteuerlichkeit des Lebens im Berlin der Nachwende-Jahre ist. Er kam Mitte der 90er aus Marburg in die Stadt, um an der Charité zu studieren, tendierte mit der Zeit jedoch mehr zur Architektur. Mehrere Jahre studierte er beides parallel, letzteres schloss er ab. Später arbeitete er als freier Architekt in verschiedenen Projekten, im Allgemeinen blieb es aber bei unsteten Jobs. Durch eine Reihe von Zufällen kam er zum Verkauf. Er hatte schon immer eine Sammelleidenschaft – insbesondere für Kleidung. Diese lagerte er über längere Zeit in seinem Elternhaus in Marburg. Als dieses verkauft wurde, war er gezwungen, sich nach einer Lagermöglichkeit in Berlin umzusehen. Bevor er die Räume in der Cuvrystraße Anfang 2013 anmietete, hatte er einen Gewerbemietvertrag in Schöneberg, von wo er aber schon nach einem Jahr verdrängt wurde. Nach Monaten der zeitaufwendigen Suche nach geeigneten Räumen fand er die Räume in der Cuvrystr. Zu dieser Zeit begann er auch, regelmäßiger auf Flohmärkten zu verkaufen. Der Vintage Stuff an der Cuvrystraße ist einer von zwei Standorten. In seinem anderen Second-Hand-Laden mit gleichem Namen in Mitte hilft ihm eine Freundin. Beide Läden werfen derzeit gerade soviel ab, dass sie sich selbst tragen. Die Cuvrystraße ist neben der Verkaufsfläche vor allem als Lager für ihn lebenswichtig, da er aus einem großen Fundus heraus verkauft. Wochenends betreibt Martin Grunau Stände auf Flohmärkten, wie z.B. dem Mauerpark. Allerdings wird nach der Neugestaltung des Parks höchstwahrscheinlich der Flohmarktbetrieb neu ausgeschrieben werden, was dann auch eine Erhöhung der Standgebühren nach sich ziehen könnte. Darum plante Grunau, über verschiedene Unterstützungsangebote des Arbeitsamtes bei der Existenzgründung die zwei Läden so zu entwickeln, dass sie der Schwerpunkt seiner gewerblichen Tätigkeit werden konnten. Mit der Kündigung wurde diesem Traum jedoch erst mal ein Riegel vorgeschoben.

Wunsch und Verweigerung

Bizim Kiez wurde von Martin Grunau angeschrieben, weil aus seiner Perspektive die direkte Kommunikation mit seinem Hauseigentümer sich als schwierig erwies und wenig Kommunikationsbereitschaft seitens des Eigentümers erkennbar war. Herr Grunau hat uns gegenüber den Wunsch geäußert, in ein Mediationsverfahren mit diesem zu treten, weil er das Gefühl hat, dass ihre Interessen gar nicht so gegensätzlich sind, wie sie erscheinen, aber der Konflikt mit der De-Bisi GmbH seinen Schatten auch auf ihr Verhältnis wirft. Der Eigentümer hat ein Interesse am Erhalt seines Gebäudes im guten Zustand, und Martin Grunau hat ein Interesse an einem langfristigen Verbleib in den Räumen, in denen er seit Jahren seinen Laden betreibt. Beide sind also an einem guten Zustand des Kellers in der Cuvrsystraße interessiert. Der eine will, dass nach einem langen und nervenaufreibenden Konflikt mit seinem Hauptmieter endlich Ruhe einkehrt, der andere möchte nach einer langen Zeit der Existenz am wirtschaftlichen Minimum endlich von seinem Ladenbetrieb leben können. Beide wollen demnach auch, dass die Situation bezüglich des Kellers geklärt wird. Vermittelt über Bizim Kiez hat Martin Grunau seinem Hauseigentümer also angeboten, ihn bei den Renovierungsarbeiten, auf denen er nach dem Ausscheiden der De-Bisi GmbH aus dem Vertrag alleine sitzen bleiben wird, zu unterstützen. Er hat einen fachkundigen Architekten organisiert, der eine Gefährdung der Bausubstanz mit hoher Sicherheit ausgeschlossen haben soll. Herr Grunau hat sich auch bereit erklärt, das Lagervolumen deutlich zu reduzieren. Sollte die endgültige Einschätzung eines Spezialisten schließlich ergeben, dass tatsächlich die komplette Wandverkleidung abgenommen werden muss, würde er sich dem Urteil fügen. Für die Dauer eines auf diese Vorschläge bezogenen, ergebnisoffenen Mediationsgesprächs wurde um eine Duldung des Ladens gebeten. Der Eigentümer hat wiederholt auf all diese Vorschläge negativ geantwortet. Er halte ein Mediationsgespräch mit Martin Grunau nicht für notwendig, weil sie im direkten Ausstausch stünden. Auch auf die Bitte, Grunau zumindest in Form eines befristeten Zwischennutzungsvertrages noch die Sommermonate Zeit zu geben, um einen Räumungsverkauf zu starten und seinen Laden an der Cuvrystraße ordentlich abzuwickeln, reagierte der Eigentümer abweisend. Die Aufgabe des Ladens bedeutet grundsätzlich hohe Investitionsverluste an Zeit und Geld für dessen Betreiber. Die jetzige Situation ist für ihn akut existenzgefährdend.

Die aktuelle Situation

Martin Grunau hat es immer noch nicht geschafft, einen Ersatzraum zu finden, und mittlerweile liegt ein rechtskräftiger Räumungstitel vor. Das Bündnis Zwangsräumung Verhindern wurde eingeschaltet. Der Eigentümer hat aufgrund der Intervention von Bizim Kiez und der Solidarisierung erster Nachbar*innen mit dem Vintage Stuff mittlerweile einem Mediationsgespräch zugestimmt.

(14.9.2017: Die aktuelle Veröffentlichung dieses Artikels ist gegenüber der Erstveröffentlichung und einer später leicht veränderten Version erneut abgeändert. Der Name des Eigentümers wurde aus dem Text gestrichen, beim Abschnitt mit der Überschrift “Die aktuelle Situation” wurde ein Absatz bezüglich des Gerichtsverfahrens gestrichen und der letzte Satz hinzugefügt.)

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