Oranienspäti: Die Geschichte der Familie Tunc

Die Tuncs sind eine Ur-Kreuzberger Familie. Zekiye und Sakir Tunc, die beiden Betreiber*innen des verdrängungsbedrohten Oranienspätis in der Oranienstraße 35, gehören zur zweiten Generation von türkischen Einwanderer*innen, derjenigen, die in Deutschland geheiratet und eine Familie gegründet hat. Ihre drei erwachsenen Kinder Ismael, Eda und Can sind alle in Kreuzberg geboren und aufgewachsen.
Für Zekiye Tunc, geborene Aksünger, ist der Oranienspäti das insgesamt fünfte Gewerbe, in dem sie in ihrem Leben arbeitet, und durch das sie ihren Kiez mitgestaltet. Die Geschichte dieser Gestaltung beginnt jedoch mit ihrem Vater.

Ein typisch türkischer Werdegang in Kreuzberg

Hussein Aksünger kam 1968 nach Kreuzberg. Er gehörte zu den ersten Türken, die sich in Berlin ansiedelten. Entgegen der weitverbreiteten Erwartungen an die sogenannten Gastarbeiter*innen, nach getaner Arbeit wieder in ihre Heimat zurückzukehren, holten diejenigen, die Familien hatten, diese irgendwann nach. Zuerst aber kamen fast immer die Männer alleine nach Deutschland, während Frauen und Kinder zurückbleiben mussten. Gastarbeiter*innen aus Polen, Italien, Russland, Jugoslawien, Griechenland und eben der Türkei haben den Aufbau und die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg mit ermöglicht. Entgegen dem neulich erst wieder umhergegangenen Gespenst einer deutschen Leitkultur sollte das nicht vergessen werden. Und als Kreuzberg noch ein unbedeutendes, armes Stadtviertel an der Mauer war, waren es Türk*innen, die diesen Kiez gestalteten, und die Grundlagen dafür legten, dass er sehr viel später enorm beliebt werden sollte.
Hussein Aksünger putzte bei der BVG U-Bahn-Waggons und Bahnsteige und ermöglichte es schließlich seiner Frau irgendwann Anfang der 70er nach Berlin zu kommen. Ihre gemeinsame Tochter Zekiye sollte erst 1974 nachkommen, im selben Jahr, in dem die Familie ihren Gemüseladen in der Oranienstraße 29 eröffnete, dort, wo heute der FC St.Pauli-Fanshop „fan-tastic“ bzw. Das “Dampf-Depot” ist. Dies war der erste Laden, in dem sie anfangen sollte zu arbeiten. Wenn man Zekiye nach dem Leben im Kreuzberg der 70er Jahre fragt, sagt sie, dass es nicht leicht war. Wasser zum Baden musste heissgekocht werden, die Toiletten befanden sich auf den Fluren der Treppenhäuser. Gerade der Anfang im fremden Land war schwierig für die kleine Türkin, aber mit der Zeit wurde es besser. Sie sagt, dass sehr viel Kontakt unter den türkischen Familien in Kreuzberg bestand, aber auch mit den deutschen Nachbar*innen. Sie sei immer mit allen sehr gut ausgekommen. Die Leute seien damals freundlicher zueinander gewesen, als heute.

Die ersten eigenen Läden: Gemüseladen und Import-Export-Geschäft

Sakir Tunc kommt 1982 nach Kreuzberg. Er heiratet Zekiye und Ende der 80er eröffnet das Paar einen eigenen Laden in der Neuköllner Karl-Marx-Straße. Zekiye ist zu dem Zeitpunkt mit dem fünfjährigen Ismael und der zweijährigen Eda schon zweifache Mitter. Das Geschäft betreiben die Tuncs nicht lange. Den Fall der Mauer erleben sie noch in Neukölln, wenig später schließen sie den Laden. Zekiye erinnert sich noch, dass nach dem Ende der DDR alles teurer wurde, aber der weltweite Siegeszug des Kapitalismus bietet auch Chancen für junge Unternehmer*innen: die Familie eröffnet ein weiteres Geschäft, diesmal einen Import-Export-Laden in der Oranienstraße 31. Sie verkaufen dort alles Mögliche, mit dem Familien sich einrichten können: Vasen, Gardinen, Toilettendeckel, Kaffeemaschinen, Lampen… Heute befindet sich in der Oranienstraße 31 eine schicke Bar. Aber auch der Import-Export-Laden hat bereits etwas von Kaffee- und Teehaus: hinten, im Büro des Geschäfts, wird den ganzen Tag im Cayci Tee gekocht, dass die Fenter beschlagen. Das Büro des Ladens ist der informelle Treff der Nachbar*innen: jeden Tag schauen Leute vorbei, um zusammen zu sitzen und zu plaudern, manchmal hört man alte Männer auf der Saz spielen und singen, sogar Essen wird vorbeigebracht zum gemeinsamen Frühstück. Eda erinnert sich heute dementsprechend an Berge von Abwasch, aber auch an schräge Charaktere aus dem Kiez, die im Laden ein- und ausgingen: An einen, den Sie Ali-Amca nannten („Amca“ bedeutet „Onkel“ auf Türkisch), und der immer mit einem Lotto-Schein hereinkam und sagte: „Hier, füllt den mal für mich aus…“ Ein anderer, Gazi-Amca, fragte Eda immer nach einer Zigarette. „Aber ich rauche nicht!“ – „Doch, doch, du hast bestimmt ’ne Kippe für mich…“ Und das jedes Mal. Stefan Zusel, Mitbetreiber einer alten Legende an der Oranienstraße, der Schnabel-Bar, kam regelmäßig vorbei und suchte ihren Vater: „Sakir! Was machst du? Komm, lass uns mal hinten einen Tee trinken!“ Und schon waren die beiden im Büro verschwunden. So geht das bis zum Jahr 2000. Der Betrieb des Ladens, den Zekiye und ihr Mann ohne Angestellte führen, ist anstrengend. Sakirs Bandscheiben schmerzen immer mehr, er kann immer weniger schleppen. Zu den zwei Kindern kommt 1998 noch ein drittes, Can, hinzu. Aber die Tuncs können sich irgendwie auch nicht aus dem Verkauf verabschieden.

Babywelt

Dann verstirbt der Betreiber des Elektroladens Silow, der sich ein paar Häuser weiter auf der Oranienstraße befindet. Die Witwe Silow ist alt, sie muss den Laden verkaufen. Zekiye, für die der Kiez um die Kreuzung Adalbert- und Oranienstraße nach all den Jahren ihr kleines Dorf geworden ist, kennt die Frau natürlich: „Wenn ihr den Laden irgendwann nicht mehr weitermachen wollt, sagt mir Bescheid.“ Für den Raum gibt es einige Bewerber*innen, aber Kreuzberg ist noch lange nicht so begehrt wie heute, und bezahlbare Gewerberäume keine Mangelware. Frau Silow schlägt bei ihrer Hausverwaltung ihre Bekannte Zekiye als Nachmieterin vor. Die Tuncs geben den Import-Export-Laden an Sakirs Bruder ab, und eröffnen 2002 ein Geschäft für Baby-Zubehör, die „Babywelt“, in den alten Räumen des Elektroladens, in der Oranienstraße 35. Auch hier entsteht wieder ein Kiez-Treffpunkt: Weil es diesmal kein geräumiges Hinterzimmer gibt, stehen nun vorne zwischen der Verkaufsware die Klappstühle herum, die sich die Nachbar*innen mitbringen, um entspannt sitzen und plaudern zu können. Viele kommen in den Laden und fragen sofort die 15-jährige Eda, die regelmäßig im Laden mithilft: „Machst du mir einen Tee, Kleines?“. Heute erinnert sie sich daran, wie nervig sie das fand. Und auch daran, dass dieser Laden nicht gut lief: Die Tuncs machen mit der „Babywelt“ kaum Gewinn, es ist schwierig über die Runden zu kommen. Im Sommer 2008 sind Zekiye und Sakir in der Türkei bei Verwandten. Eda steht wochenlang im Laden und macht keinen einzigen Cent Umsatz. Es ist heiss, es ist langweilig, und irgendwann platzt ihr der Kragen: Sie treibt zwei große rote Schilder auf, schreibt „Alles muss raus!“ drauf, und hängt sie draussen über das Schaufenster. Die Leute werden neugierig und erkundigen sich nach den Preisen. Ihr ist alles egal, Hauptsache verkaufen. Nach wenigen Tagen ist der Laden wie leergefegt. Sie geht noch einmal mit Essigreiniger über den Boden und die Ablagen, dann wartet sie auf ihre Eltern. Ihre Verwandten in Kreuzberg hat sie darauf eingeschworen, ihnen ja nichts zu erzählen, solange sie noch im Urlaub sind. Als Zekiye und Sakir zurückkehren und den Laden sehen, sind sie schockiert. Eda aber konfrontiert sie mit der Wahrheit: „So geht das nicht mehr weiter mit diesem Laden! Ihr macht euch und uns kaputt!“ Heute kann sie über diese Aktion lachen, und sie steht immer noch dahinter. Ihren Vater soll die erzwungene Abwicklung des Geschäfts erleichtert haben, sagt sie. „Er wollte sowieso immer einen Späti.“

Der Oranienspäti

Der Raum in der Oranienstraße 35 steht aber erst mal leer. Zekiye und Sakir Tunc wissen zum ersten Mal nicht richtig weiter. Sie sind gestresst und streiten öfter. Die Familie zahlt weiterhin Miete, um eine Mietminderung für das leere Geschäft zu bitten, fällt ihnen nicht ein. Der Raum ist nun um Einiges begehrter als noch vor einigen Jahren, Freunde der Familie machen ihnen Angebote. Sie wollen ihn aber nicht aufgeben, und denken über eine Bäckerei nach. Aber die Angst davor, keine Berufskenntnisse in diesem Gewerbe zu haben, macht sie unschlüssig. Als 2009 Eda nach einem Türkei-Urlaub zurück nach Kreuzberg kommt, steht im Raum ein 6 Meter langer Kühlschrank. Ihr Vater sagt: „Wir machen einen Späti!“ Ihre Mutter hat Anfangs noch große Zweifel: „Wie soll ich mir denn all die Biersorten merken? Ich kenn nur Becks!“. Aber ihre langjährige Erfahrung hinter der Theke hat sie nicht im Stich gelassen.
Der Oranienspäti läuft wie jeder Spätkauf: im Sommer gut, im Winter nicht so sehr. Die Atmosphäre eines Kiez-Treffpunkts hat die Familie auch in dieses Geschäft verpflanzt, bei gutem Wetter sitzen die Kund*innen draussen auf den Bänken, trinken, rauchen und unterhalten sich. Der Laden ist nur einen Katzensprung von der heutigen Wohnung der Tuncs in der Adalbertstraße entfernt. Zekiye ist sehr zufrieden damit, so schnell von ihrem Geschäft nachhause zu können. Sie lebt und arbeitet in ihrem Kiez, in ihrem Milieu, und das gerne. Aber der Betrieb eines Spätkaufs hat nicht nur gute Seiten. Dreimal wurde der Laden schon überfallen. Und eine Nachbarin klagt: “Die Leute, die Abends vor dem Späti sitzen, sind viel zu laut.” Es ist ein typischer Nutzungskonflikt zwischen Nachbar*innen und Nachtschwärmer*innen, der gerade an belebten Orten Kreuzbergs wie der Oranienstraße ein Problem darstellt.

Rechtstreit und drohende Verdrängung

Der ehemalige Eigentümer ihres Gewerberaumes, Bernhard Tillmann, kündigte den Tuncs am 5.5.2015, nachdem ihr Vertrag bereits zweimal verlängert worden war. Die Kündigung selbst war eigentlich unnötig, der Vertrag lief sowieso zum 31. August 2015 aus. Der engagierte Rechtsanwalt der Tunc fand darin aber eine Klausel mit einem einseitigen Optionsrecht seitens der Mieter, das ihnen erlaubte, das Mietverhältnis für zwei Jahre zu verlängern. Allerdings existiert eine Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes, die die Gültigkeit dieses Optionsrechts erheblich einschränkt: Wurde der Vertrag im beiderseitigen Einvernehmen von Mieter und Vermieter schon einmal verlängert, sodass der Laden mindestens für die Zeit der Verlängerungsoption an Ort und Stelle bestehen konnte, entfällt es. Begründung: Es soll Mieter*innen nicht dazu dienen, länger in ihren Räumen zu bleiben, sondern lediglich deren Investition in ihr Geschäft für eine bestimmte Zeit schützen. Wurde der Investition diese Zeit versichert, Profit abzuwerfen, ist es mit dem Schutz auch wieder vorbei. Der Anwalt der Tuncs wollte das nicht hinnehmen, und klagte auf Feststellung der Gültigkeit des Mietvertrages auf der Basis des erwähnten Optionsrechts. Die Gegenseite reichte die Räumungsklage ein. Seitdem geht es gerichtlich hin- und her. Der letzte Stand war eine Niederlage der Tuncs vor dem Kammergericht (Berufungsgericht) aufgrund der genannten BGH-Rechtsprechung. Dieses wies auch die Möglichkeit zurück, in Revision zu gehen. Die letzte Chance der Tuncs ist eine Nichtzulassungsbeschwerde vor dem BGH, um die Revision doch noch zuzulassen. Wenn diese scheitert, steht dem Vollzug der Räumung durch die Eigentümer nichts mehr im Weg. Das bedeutet dann akute Räumungsgefahr für den Oranienspäti.
Seit Anfang 2017 gehört das Gebäude der Bauwerk Immobilien GmbH (die auch versucht, die Änderungsschneiderei Kabacaoglu in derselben Hausnummer los zu werden), und wird von der Kraseman Immobilien Management GmbH verwaltet. Der Anwalt der Familie Tunc hat vor einem Monat in einem Brief an die Eigentümergesellschaft um die Verlängerung ihres Vertrags gebeten, und wurde ignoriert. Auch die Bundestagsabgeordnete der SPD Cansel Kiziltepe und Canan Bayram, die für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, haben sich an die Eigentümer*innen gewandt – ohne Reaktion. Es kursieren Gerüchte über Aussagen von Vertreter*innen der Bauwerk Immo, dass es die Eigentümer*innen nicht interessiert, ob Politiker*innen sich für die Familie Tunc einsetzen, ob Demos und Kundgebungen stattfinden, ob die Nachbarschaft den Späti unterstützt – er soll gehen. In der Oranienstraße gäbe es genug Spätis.

3 Gedanken zu „Oranienspäti: Die Geschichte der Familie Tunc

  1. Margit Englert

    Hallo Konstantin,

    danke für die ausführliche Schilderung!

    Eine Anmerkung, die mir gerade auch in Bezug auf unseren Kiez wichtig ist: Deine Aussage oben, „zuerst aber kamen fast immer die Männer alleine nach Deutschland“ ist so nicht richtig und wird gerade der Situation vieler Migrantinnen und Migranten in Kreuzberg nicht gerecht.

    Unter den seit den 60er Jahren angeworbenen Arbeitskräften waren etwa 20 bis 30 % Frauen, punktuell war der Frauenanteil höher. Der Grund war der geschlechtsspezifisch segregierte deutsche Arbeitsmarkt und das entsprechende Lohngefüge. In der Elektroindustrie wie bei Siemens oder Telefunken verrichteten die Frauen meist kleinteilige Arbeit, die eine hohe Fingerfertigkeit erforderte, oft am Fließband ausgeübt wurde, monoton und leicht zu beaufsichtigen, eingestuft in „Leichtlohngruppen“.
    Gerade hier in Kreuzberg gab es mit dem detewe-Werk in der Wrangelstr einen Schwerpunkt dieser migrantischen Arbeit. Die Mehrzahl meiner Nachbarinnen in dem Haus, in dem ich wohne, haben dort gearbeitet. Heute sind ihre Renten so niedrig, dass sie sich ihre Wohnungen kaum oder gar nicht mehr leisten können.
    Der deutsche Staat lehnte es oft ab, auch die Kinder mit einreisen zu lassen, bzw. gab es für sie oft auch keine Unterbringung. Diese Kinder sind heute zwischen 50 und 60. Ab und zu trifft man sie.

    (Diese Arbeitsmigration der Frauen in die Leichtlohngruppen der deutschen Industrie in den 60ern und 70ern ist nicht zu vergleichen etwa mit der Heiratsmigration nach dem Anwerbestopp.)

    http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/migration-und-geschlecht-der-bundesrepublik-deutschland

    Solidarische Grüße

    Margit

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  2. Katja Clos

    Hallo Konstantin!

    danke für diese interessante und schön geschriebene Geschichte!

    Ich habe daraufhin die Webseite der Hausverwaltung Kraseman Immobilien Management GmbH angeschaut und dort auf der ersten Seite folgendes Zitat gefunden:

    „Für jeden Kunden gibt es eine Lösung, die exakt auf ihn zugeschnitten ist.
    Man muss sie nur finden. Dieses „nur“ ist unser Geschäft.
    Peter Krasemann“

    Schön wärs!

    Liebe Grüße
    Katja

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