Nachruf für Thomas Symanek

Als bei Bizim Bakkal um Ostern herum die letzten Früchte verkauft wurden, als das Schild abgebaut, der Laden ausgeräumt und der Schlüssel übergegeben wurde, war Thomas nicht dabei. Er verbrachte seinen letzten Urlaub in Freiburg und kehrte erst Anfang April nach Berlin zurück, etwas angeschlagen durch eine Erkältung, wie er sagte. Dass er lange schon krank war, wussten wir alle. Dass er nun so nah am Tod war, wollten wir vielleicht nicht in unser Denken lassen. Aber es ist wahr:
Thomas ist am 27. April gestorben.

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An Thomas’ Todestag fand ein Bizim Kiez Plenum statt,
in dem wir einen freien Stuhl für ihn in den Kreis stellten.
Ein Sitz, der von niemand anders ausgefüllt werden kann.

Die ersten kopierten Zettel, die vor knapp einem Jahr auf die Kündigung von Bizim Bakkal aufmerksam machten, stammten von ihm. Er war empört, wollte eine stillschweigende Verdrängung der Familie Çalışkan nicht hinnehmen. Dass er damit eine ganze Bewegung auslöste, die die Kraft einer solidarischen Nachbarschaft wieder spürbar macht, hatte er selbst nicht geahnt. Er war hoch erfreut und arbeitete stetig weiter: In der AG Recherche, in der Vorbereitung der Straßenaktionen, er schrieb Redebeiträge und Zeitungsartikel, er wendete manche Betroffenheitsrhethorik ins Politische, warnte vor Leichtgläubigkeit angesichts von Erfolgen, demonstrierte immer wieder, dass es um den Laden geht, aber nicht nur um ihn, sondern um Eigentumsverhältnisse, die – rechtlich und politisch gestützt – Existenzen vernichten. Genauso aber agierte Thomas im Hintergrund mit Anwälten und in persönlichen Gesprächen mit Ahmet, mit uns allen eigentlich, die aktiv in Bizim Kiez einstiegen. Er sah die Verhältnisse radikal und klar und wusste, dass ein langer Atem nötig ist, sie zu verändern. Manches Mal war er ungeduldig, angenervt von gefühlsduseligen Redebeiträgen. Manches Mal neigte er selbst zu ausschweifendem Dozieren. Doch er hörte hin. Seine stete Neugier und seine große Fähigkeit, andere zu respektieren und immer wieder auf sie zuzugehen, den Wert unserer Verschiedenheit zu erkennen und Brücken zu bauen, machten ihn zu einer Integrationsfigur. Er sah die übergeordneten Ziele, suchte gleichwohl praktikable Lösungen, konnte auch andere bewegen, die kleinen Kämpfe beizulegen, und zog viele von uns mit in diese Gemengelage aus kleiner und großer Politik, in der wir alle leben, egal in welcher Situation wir uns individuell befinden.

Thomas’ Krankheit war bekannt. Alle zwei Wochen verschwand er für ein paar Tage zur Chemo. Dann war er wieder da, mal mit guten Diagnosen, mal mit entmutigenden. Doch er selbst ließ sich von keiner Prognose ins Bockshorn jagen: Auch und gerade seine politische Aktivität bescherte ihm Lebensenergie, und so hatte die solidarische Unterstützung einer Familie aus der Notunterkunft in der Zeughofstr. auch noch ihren selbstverständlichen Platz.

Wir wussten, es war eine Frage der Zeit. Doch schützt dieses Wissen nicht: Thomas wird uns in jeder Hinsicht fehlen – als politischer Aktivist, als solidarischer Nachbar, als Freund. Klar ist aber auch – und das ist ganz in seinem Sinne: Der Kampf geht weiter!

 


Die Trauerfeier findet am 21. Mai statt. Näheres folgt.

 

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