Beton-Goldrausch und die Senioren unserer Stadt – Rauswurf mit 94

Mit einer Skrupellosigkeit, die es vorher nicht gab, reißt der Beton-Goldrausch tiefe Kerben ins soziale Leben der Stadt.

 

Man kennt bereits extreme Fallbeispiele stadtweit, in denen Mieter/innen mit plötzlichen unglaublichen Mietsteigerungen von mehreren hundert Prozent konfrontiert sind und dadurch verdrängt werden sollen, nachdem sie in vielen Fällen dort ihr ganzes Leben verbracht haben.

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Demenz WG. Käthe Wagner (Grauer Pulli), Klaus Pawletko mit ihren Mitbewohnern – Foto: Reto Klar

Und dennoch scheint es nicht das Ende der Fahnenstange zu sein – immer wieder kommt ein noch brutaleres Beispiel des internationalen Profitstrebens zum Vorschein. Jetzt sollen sieben demenzkranke Menschen einer Senioren-WG, die älteste von ihnen ist 94 Jahre alt, binnen weniger Monate auf die Straße gesetzt werden – ohne jegliche Perspektive. Wie bei manchen Kitas muss die Frage: „Gewerbe- oder Wohnraum?“ vor Gericht geklärt werden, denn Gewerbemieten sind bislang weitaus weniger geschützt und kurzfristig kündbar. Doch die dementen Senioren kennen ja z.Teil nicht einmal ihr eigenes Alter…

Wir brauchen endlich einen Schutz der sozialen Infrastruktur der Stadt. Kitas, Senioren-WGs, Jugendclubs usw. – sie alle können viel zu leicht verdrängt werden. Dies sind Beispiele, die deutlich aufzeigen wie durch jahrleange Versäumnisse und strategischer Profitorientierung nicht nur in Einzelfällen eine Unmenschlickeit in dieser Stadt Fuss gefasst hat, die ganz gewiss nicht mehr mit „das ist der Lauf der Dinge“ weggeredet werden kann. Menschen, die im Alter von 90 Jahren plötzlich um ihre Wohnung und dadurch um ihre Existenz kämpfen müssen, wie auch am „Hansa-Ufer 5“ der „Siedlung am Steinberg“ oder vormals die „Palisaden-Panther“, zeigen auf schockierende Weise in welch skandalösem Zustand sich unsere Gesellschaft in diesem Bereich befindet. Auch hier will und muss Bizim-Kiez ein deutliches Zeichen setzen, denn der „Lauf der Dinge“ hat definitiv ein nicht mehr zu ertragendes Limit erreicht.

mehr dazu in der Berliner Morgenpost


Benedikt XVI. – Wohnort Vatikanstadt –
beim Besuch eines Altenheims in Rom:

Die „Qualität“ einer Gesellschaft bemisst sich nicht zuletzt an deren Umgang mit alten Menschen:  Zugleich forderte Benedikt XVI. in diesem Zusammenhang eine höhere Wertschätzung von alten Menschen. Ihre Lebensweisheit stelle einen „großen Reichtum“ für die Gesellschaft dar, Profitstreben und Effizienzdenken führten jedoch oft dazu, dass diese Gruppe als „unproduktiv und unnütz“ an den Rand der Gesellschaft gedrängt werde.


 „Schauplätze“ der Verdrängung älterer Menschen in Berlin:


Die SeniorInnen vom Hansa-Ufer-5

Von 1975 bis 2007 war unser Haus am Hansa-Ufer 5 ein Seniorenwohnhaus. Schutz im Alter und nicht dem Wohnungsmarkt preisgegeben sein – das war der Grund für uns, hier einzuziehen. „Hier können Sie in Ruhe alt werden!“ lautete das Versprechen des Bezirksamtes.

Dieses Versprechen wurde 2007 gebrochen: als einziger Berliner Bezirk hat Mitte alle kommunalen Seniorenwohnhäuser der Region Moabit / Tiergarten an private Inverstoren verkauft. Alleine durch den Verkauf des Hauses am Hansa-Ufer 5 wurden 66 Seniorenwohnungen in Moabit aufgegeben – ohne Schutzklauseln für uns Alte. Der jetzige Eigentümer des Hauses, das Immobilienunternehmen Akelius, hat 2014 umfangreiche Bauarbeiten angekündigt: Aufstockungen, Dämmung, Schließung unserer geliebten Laubengänge und Penthäuser auf dem bestehenden Gebäude.

Die rebellischen Rentner vom Hansa-Ufer

 


Die Siedlung am Steinberg

Seit Anfang 2014 rebellieren die Bewohner gegen überzogene Modernisierungsankündigungen und andere Schikanen.

“Ist das Luxus?” – die Siedlung am Steinberg, ist eine denkmalgeschützte Wohnanlage im Bezirk Reinickendorf. Die Menschen, die hier oft seit Jahrzehnten leben oder bereits ihr ganzen Leben hier verbracht haben nennen sie liebevoll “Klein Kleckersdorf”. Viel ist von der Idylle nicht geblieben, seit ein Investor die Häuser vor fünf Jahren aufgekauft hat und damit großes Geld machen will. Die Bewohner der Siedlung wehren sich. Doch inzwischen sind die Folgen von Luxusmodernisierung und Verdrängung deutlich sichtbar. Mieterhöhungen von mehreren 100% – Häuser die für ca. 30.000 Euro vom Investor gekauft wurden und nun z.T. für 5000.000 Euro zum Kauf angeboten werden. Luxus pur mit Pool und teurem Geländewagen im Garten neben Häusern wie dem der über 90jährigen Oma Anni.“

Die Taz im Feb 2015 dazu:

Mieterprotest in Reinickendorf – Bibelsprüche und böses Blut –  In der BVV Reinickendorf wird ums Schicksal der privatisierten Siedlung Am Steinberg gekämpft.

 


Die Palisaden-Panther

„Wir sind die MieterInnen aus der Palisadenstraße 41-46 in Berlin-Friedrichshain. Wir stehen vor großen Mieterhöhungen, die unsere Renten bei Weitem übersteigen. Wir wehren uns dagegen, weil die Wohnung mehr als ein Sack Kartoffeln ist, den man auf dem Markt erwirbt.“

Donerstag 12.September 2013
„Unser Widerstand hat sich gelohnt…“
Mehr dazu im Blog der Palisaden-Panther
http://palisaden-panther.blogspot.de/

 


Stille Strasse 10 – Weltweite Aufmerksamkeit

Mit der Besetzung vor drei Jahren hatten die Senioren international Aufsehen erregt. Kamerateams aus aller Welt kamen, um über die rebellischen Alten zu berichten. Die harrten mehr als 100 Tage in der Stillen Straße 10 aus und erreichten so immerhin, dass die Volkssolidarität die Einrichtung vom Bezirk übernahm. Die Senioren lassen sich seither immer wieder etwas einfallen, um zum Unterhalt beizutragen. Für diesen Samstag haben sie ein Benefizkonzert mit insgesamt acht Chören im Ballhaus Pankow organisiert. „Damit wollen wir die Volkssolidarität unterstützen“, sagte Eveline Lämmer, Sprecherin des Fördervereins der Stillen Straße 10 …

Um die drohende Schließung zu verhindern, besetzten die Rentner 2012 sogar kurzerhand ihren Treff. Danach ging es zunächst weiter, die Finanzierung ist jedoch nur bis Ende 2015 gesichert. Mehr dazu im Tagesspiegel vom 25.6.2105

„Viele sind unglücklicher über einen kaputten Computer als über ihre kaputte Großmutter und glauben, dass all die wunderbaren Bekannten eine Familie ersetzen. Und vielleicht haben sie recht. Wahrscheinlich aber nicht. “

Diese verdammte Lieblosigkeit

Mehr dazu : Spiegel Online Kultur

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