Badewannen für den Kiez!

Sie wissen schon, die Winter waren kalt … die Wohnungen ohne Innenklo, das befand sich im kalten Treppenhaus, eine halbe Treppe tiefer und ohne Heizung klar, und ohne Bad. Manche Glücklichen bauten sich eine Duschkabine in die Küche, Badewannen hatten die allerwenigsten im Kiez. Die Lösung hieß Wannenbad. Die gabs in der Badeanstalt in der Baerwaldstraße, für 1,50 DM eine 1/2 Stunde Badewanne, Seife und Handtuch inklusive. Die Badewanne, 2 m lang, wurde si gefüllt, dass den Menschen nur noch der Kopf raus schaute. Allerdings wurde nach knapp 30 Minuten an die Tür geklopft, „machen Se mal hinne!“! Oder man/frau ging ins Schwimmbecken, anschließend duschen.

2015-08-27 Cuvry 23 SF 001

Der größte Spaß lag darin, jemanden in Charlottenburg mit Wanne zu kennen, -WGs und große Wohnungen – bis zu 9 Zimmern und Dienstbotenaufgang gab es dort zu Hauff-, am besten meldete man/frau sich vorher an, auch zu zweit mit einer Flasche Sekt. Badewannen waren früher größer, habe ich heute im Gefühl. Das war sehr schön, der pure Luxus.

Im Wrangelkiez hatte sich im Herbst 82 eine Initiative gebildet, die einen Treffpunkt für die Anwohner gründen wollte, so eine Art Nachbahrschaftszentrum. So entstand das erste Café im Kiez, das „Café Laterne“, mit Kaffee und Kuchen in der Falckensteinstraße 9 (heute „Noer“). Es wurde von der Gruppe ehrenamtlich betrieben, je nach Zeit und Lust der Engagierten. Klar, das konnte nicht lange gut gehen in dieser Form, denn manche fühlten sich nicht verpflichtet oder waren nicht zuverlässig, es musste anders organisiert werden.

Der Hintergrund war folgender: der Kiez war völlig verrottet, die meisten die hierher kamen, kamen wegen der leeren und billigen Wohnungen. Student_Innen, Wehrdienstverweigerer aus der BRD, junge Berliner_Innen wohnten hier nicht und wenn sie es konnten, zogen die meisten schnell wieder weg. Neben der türkischen Community gab es Leute, denen es hier gefiel und die den Kiez attraktiver, menschlicher, solidarischer gestalten wollten, damit die Menschen auch da blieben

Nach nur einem halben Jahr zogen sie mit ihrem Café Laterne in die Wrangelstraße 79, da hieß es nun „Kuckucksei“. Die Räumlichkeiten waren größer, daran sieht man/frau, dass es an Ladenange- boten nicht fehlte. Das Café Angebot konnte jetzt erweitert werden, neben dem Kaffee gab es jetzt auch Speisen, Frühstück, Mittag und Abend, zum Selbstkostenpreis. Die Preise für die Getränke sollten auch niedrig bleiben. Es wurde eine GmbH gegründet und da bewies sich die Solidarität im Kiez: Anteile wurden von ganz vielen Leuten erworben, Privatpersonen aber auch Betrieben, wie ‚Andus‘ (Görlitzer 52), Nawroth (heute Nahkauf). Andere trugen Sachspenden bei, Pflastersteine für den Garten Möbel, Küchengeräte, usw… Und es wurde gemeinsam mit den Nachbarn ausgebaut und saniert.

2015-08-27 KuckucksEi - Hecker 001

Das Haus war eine Kriegsruine, hatte deshalb nur ein EG und ein zusammengeflicktes OG, mit Innentreppe erreichbar. Allerdings gab es gegenüber auch eine Baulücke*, darauf stand lange ein Wohnwagen, in dem ein türkischer Mitbewohner den ersten Döner in der Wrangelstraße verkaufte; sein bestes Geschäft machte er wenn das Kuckucksei die Küche gegen Mitternacht schloss. Viele Spätheimkehrer freuten sich darauf, dass wenigstens ein Laden noch auf hatte.

Gehen wir die erwähnte Treppe hoch: oben gab es einen größeren Raum, Versammlungs-, Theater-und Kinoraum und dann noch eine Toilette und … 2 kleine Badezimmer, mit je einer Badewanne. Das eine für die Angestellten der Kneipe, das andere eine Einrichtung für die Anwohner. Badewanne für den Kiez. Für diese Wannen konnte man/frau sich anmelden und zu dem gewählten Zeitpunkt in die Badewanne steigen, Handtuch und Seife sollte aber mitgebracht werden. Kosten: 1,50 DM wer zahlen konnte. Lange ging es aber leider nicht: das Kollektiv, das die Kneipe betrieb und das keine großen Löhne zahlen konnte (Selbstausbeutung), sollte sich um den Badebetrieb kümmern und da das Lokal ein riesiger Erfolg wurde, gab es keine freien Kapazitäten mehr für die Badewannen, die nach einer Weile auch nicht mehr so konsequent besucht wurden. Diese „Institution“ wurde bald eingestellt.

Das „Ei“ wurde zu meiner ‚Wohnstube‘, fast jeden Tag und oft so lange bis gegen 2 Uhr morgens die Kollektivis uns rauswarfen. Da war es dann spät genug um ins Bett zugehen in meinem kalten Zimmer.

Nur zur Vollständigkeit der Geschichte: das Lokal hatte einen festen Mietvertrag bis 1998 aber der neue Eigentümer wollte abreißen und neu bauen (damals schon). So bot er der Truppe Geld an, um sie raus zu kaufen, solange, bis sie 1996 das Angebot annahmen und das Lokal schlossen, zum Ärger vieler Anwohner. Kuckucksei FotoIronie der Geschichte, die Imbissbude schloss ebenfalls kurz darauf.**

* weil die Bomben von den Alliierten immer paarweise abgeworfen wurden, findet man/frau oft in den Straßen Berlins Baulücken rechts und links der selben Straße (Im Kiez Cuvry Nr. 22 und 36, oder Nr. 19 und 40, oder Falckenstein Nr.6 (Seniorentreff) und Nr. 39-40 (Durchgang zur Cuvry). Spielplätze sind oft ein Hinweis auf Kriegszerstörung.

** auf beiden Grundstücken Nr. 79 und 55 stehen heute Neubauten

Text und Fotos: François Martin

2 Gedanken zu „Badewannen für den Kiez!

  1. Gabriela Stangenberg

    Hallo, lieber François, vielen, vielen Dank für Deine wunderbar geschriebene Geschichte.
    Ich kannte zwar das Kuckucksei, jedoch nicht so ausführlich seine Geschichte.
    Als Mutter von drei kleinen Kindern, zu jedem Medizinstaatsexamen eine, hatte ich leider nicht viel Gelegenheiten dort zu sein.
    Toll, dass Du dieses der Nachwelt als Vermächtnis von Geschichte im Wrangelkiez überreichst.

    Übrigens, nach der Geburt von meiner Mittleren im Kerngehäuse- erinnert ihr Euch alle noch daran?
    da fühlte ich mich wie eine Königin, welche mit ihrem Neugeborenen auf den Balkon tritt, wo alle Kerngehäuse Männer warteten, die Frauen guckten durch die Tür des Geburtszimmers , wo die Kleine von ihrer fast dreijährigen Schwester mit einem lauten, völlig begeisterten Lachen 5 Min lang begrüßt wurde……die Erwachsenen hatten Tränen in den Augen, die Hebamme sagte, so etwas habe sie noch nie erlebt…..
    Ja, und danach hatte ich so einen Riesenhunger und jemand ist losgegangen, um mir ein leckeres Cordon bleu mit Maissalat aus dem Kuckucksei zu besorgen…….

    Das sind meine Ergänzungen zum Kuckucksei, welches auch einen wunderbaren Garten hinten hatte mit Tischen und Stühlen…..
    Liebe Grüße
    Gabriela

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