… kein Luxus-Sanierungsgebiet: Bizim Bakkal muss bleiben

Das unhaltbare Privat-Feuilleton aus der großen Stadt

Seit ich die Wrangelstraße kennengelernt habe, fühle ich mich der Familie Çalışkan verbunden, die ich liebevoll und politisch unkorrekt „meine Gemüsetürken“ nenne. Im Frühsommer 1992 bin ich zum ersten Mal morgens bei herrlichem Sonnenschein durch ihre Ladentür gegangen und habe eine Netzmelone gekauft, die ich einige Häuser weiter zu einer Frühstückseinladung mitbrachte. Bei meiner Freundin kam die Melone zwar nicht gut an, weil Melonen grundsätzlich bei ihr nicht gut ankamen, aber ich war vollkommen begeistert: diese Frucht war tatsächlich reif und super aromatisch!

Heute, viele Jahre später, bin ich mit der Freundin von früher verheiratet und wohne, nach einigen Umzügen, gleich um die Ecke von eben diesem Gemüseladen „Bizim Bakkal“, was übersetzt „Unser Lebensmittelgeschäft“ heißt. In den 24 Jahren, in denen ich immer am liebsten mein Gemüse hier gekauft habe, habe ich mehr oder weniger die ganze Großfamilie kennengelernt – 4 Generationen. Sie alle haben mit und über diesen Laden ihr Leben in Berlin aufgebaut. Sie wohnen zum Teil in der Nähe oder haben benachbarte andere kleine Geschäfte eröffnet, die ihrerseits den Kiez gestalten und liebenswert machen.

Jetzt nach 28 Jahren hat der Gemüseladen die Kündigung bekommen! Das Haus wurde an einen Investor verkauft und der will Kasse machen. Es soll saniert und schöner werden und da ist kein Platz mehr für einen netten, kleinen Gemüseladen. Da es ein normaler Gewerbemietvertrag ist, kann fristlos gekündigt werden, und deshalb wird die Familie zum 30. September rausgeworfen.

Als der Chef (2. Generation) mir das im Laden erzählt hat, war ich wirklich schockiert, denn an diesem Laden mache ich einen beträchtlichen Teil meines Heimatgefühls als Kreuzberger fest. Der Laden speist einen wesentlichen Teil des Wir-Gefühls hier im Kiez und deshalb geht es hier ums Grundsätzliche! Wird Bizim Bakkal verdrängt, werden wir verdrängt!

Dieser Kiez rund um die Wrangelstraße ist nicht einfach irgendein Investitionsgebiet, dessen Existenz der Bereicherung von Immobilienfirmen dient. Wenn die Gegend hier langsam prosperiert, dann entstand dieser Wertzuwachs durch unser Zusammenleben. Wir alle haben diesen Kiez aktiv gestaltet und deshalb haben wir den Mehrwert geschaffen, den wir nun als Rendite in Form von Menschlichkeit ausgezahlt bekommen wollen. Wir geben unsere Nachbarschaft nicht für Investoreninteressen preis. Wir lassen uns die Rendite nicht von jetzt aufspringenden Immobilienfirmen wegschnappen, sondern diese Rendite muss der Gemeinschaft derjenigen zu Gute kommen, die hier leben. Und zu Gute kommt es uns, wenn wir weiter hier leben können.

Zur Erklärung, was ich damit meine: Kurz nach der Einführung des Euro, haben wir von studio adhoc als Anwohner gemeinsam mit den Gewerbetreibenden des Wrangelkiez’ und dem gerade erst gegründeten Quartiersmanagement eine Werbeaktion gemacht, die unter anderem zum Ziel hatte, gegen den Verfall und den Leerstand von vielen Läden in der Gegend anzugehen. Wir wollten verhindern, dass die Straße immer weiter herunterkommt, und wollten die einzigartige, kleinteilige und multikulturelle Ladensituation und das damit verknüpfte Wesen der Straße erhalten. Auch „Bizim Bakkal“ war mit dabei. Es war in dieser Zeit noch nichts davon zu spüren, dass nur wenige Jahre später plötzlich alles irre hipp sein könnte. Damals ging es darum, sich gegen den Verfall zu stellen. Das haben wir alle gemeinsam geschafft – auch mit den Vermietern und Besitzern an unserer Seite.

Heute geht es darum, sich gegen den Ausverkauf zu stellen. Es darf nicht sein, dass auf Kosten der Gemeinschaft Kasse gemacht wird und dabei Familien, die hier Jahrzehnte lang wesentliche Säulen des Zusammenhalts waren, auf der Strecke bleiben!

Der Kiez ist jetzt extremem Gentrifizierungsdruck ausgesetzt. Die Mieten sind hier innerhalb weniger Jahre so stark gestiegen wie nirgendwo sonst in Berlin und viele Läden haben schon mehrfach den Besitzer gewechselt. Die Lebensmittelgeschäfte, über die sich die Einheimischen versorgen, verschwinden und alle Arten von Geschäften, die im weitesten Sinne auf Tourismus ausgelegt sind, kommen. Außerdem wurde und wird überall saniert – immer mit vollem Programm, denn nur dann kann man hinterher Phantasie-Mieten verlangen: Das Zauberwort heißt „Energetische Vollsanierung“. Darüber können geldgeile Investoren am besten alle Mieter rausekeln um dann die Wohnungen neu zu schneiden. Die neue, solvente Zielgruppe hat andere Ansprüche: schöne offene Küchen und große Bäder. Nur so können die Wohnungen dann meistbietend verkaufen oder vermietet werden.

Wir müssen uns jetzt wieder als Anwohner gemeinschaftlich dagegenstellen!
Seid dabei: Mittwoch den 3.6. auf der Wrangelstraße 77 bei Bizim Bakkal um 19 Uhr. Wir müssen zeigen, dass wir weiterhin Bizim Bakkal bei uns haben wollen!

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