Es geht um alles bei Bantelmann

Alle kennen den Laden „BBB – Bantelmann Betriebe Berlin“, denn hier gibt es schon immer alles für alle.

Kurzfassung zur Kündigung des Ladens „Bantelmann Betriebe Berlin“

Den kultigen Haushaltswarenladen gibt es seit 36 Jahren in der Wrangelstraße 86. In diesem skurrilen Laden für Haushaltswaren, die es sonst nirgendwo gibt, finden Einheimische alles, was neben Gaffer-Tape gebraucht wird, um Berlin zusammenzuhalten. Lange Jahre wurde er vom „alten Bantelmann“ geführt, ein eher spröder Herr im Blaumann, der einem Film von Jaques Tatí entsprungen schien. Schon damals lief die kleine Alexandra, die im gleichen Haus aufwuchs, im Laden herum und nannte den Firmenchef „Onkel Bantelmann“. Heute betreibt die kleine Alexandra von damals – nun die gestandene Frau Lack, gemeinsam mit ihrem Mann Mesut und den drei Kindern im Alter von 13, 11, 5 Jahren – das Geschäft als Einzelunternehmerin. Doch die Chefs der Immobilienfirma S Immo, denen das Haus heute gehört, interessieren sich wenig für rührende Kreuzberger Familien-Geschichten. Auch auf mehrfaches Bitten, ließen sie sich auf kein Angebot ein. Der Laden sollte raus – gekündigt zu Ende März. Damit hätte die Familie ihr Einkommen verloren und würde direkt in Hartz IV abrutschen. In einer gemeinsamen Anstrengung der solidarischen Nachbarschaft konnte dieses Szenario glücklicher Weise abgewendet werden.

Timeline im „Fall Bantelmann“

(Chronologisch von unten nach oben geordnet)

– Samstag, 11. März 2017 –

Die solidarischen Proteste der letzten zwei Monate haben die Bantelmann Betriebe Berlin gerettet – fürs Erste.

#AllesBantelmann 11.3.2017: Ein Gläschen Sekt auf den Erfolg!

Die Initiative Bizim Kiez hat wochenlang jeden Samstag die Nachbarschaft zum Protest gegen die Kündigung auf die Straße gebracht – nun lenkte der Eigentümer ein. Die S Immo zog die Kündigung zurück und bot einen Mietvertrag mit einer Laufzeit von 3 Jahren. Im Gegenzug akzeptierte die Betreiberin Alexandra Lack, künftig auf den einen Teil ihrer zweigeteilten Gewerbefläche zu verzichten. Damit ist die Existenz der fünfköpfigen Familie, die von dem Laden abhängt, zumindest mittelfristig gesichert. Für den Kiez ist das ein Grund zu großer Freude, ohne die Kehrseite des Erfolges zu übersehen: die Miete steigt faktisch um 74 % und eine längerfristige Perspektive konnte nicht durchgesetzt werden.

– Samstag, 25. Februar 2017 –

Kiez-Demo wird zur Groß-Demo der Nachbarschaften

Kiezdemo gegen Verdrängung am 25.2.2017

Bis zu 3000 Menschen bildeten einen Protestzug durch Kreuzberg. Gemeinsam demonstrierten sie gegen die Verdrängung von zahlreichen lange bestehende Läden und Projekten im Kiez. Die Abschlusskundgebung fand vor dem akut von Räumung bedrohten Bantelmann-Laden in der Wrangelstraße 86 statt. Die wöchentlich größer werdenden Proteste hier, wurden von der Hausverwaltung inzwischen wahrgenommen und plötzlich scheint Kommunikation zur Abteilung Gewerbevermietung der „S Immo AG“ möglich. Wir fordern einen langfristigen Mietvertrag für die Betreiber!

– Seit Samstag, 18. Februar 2017 –

Wöchentliche Kundgebungen – immer samstags vor dem Laden:
Es geht um Alles bei Bantelmann!

#AllesBantelmann Kundgebung und Bizim Kiez Versammlung
am Samstag, 18. Februar 2017 um 16 Uhr direkt vor dem Laden, Wrangelstraße 86.

Rechtlich ist die Familie in einer schwachen Position. Zu ihrem Mietvertrag, der seit Jahren einfach stillschweigend weitergeführt wird, und eine Kündigungsfrist von nur 3 Monaten hat, musste Alexandra Lack auch noch eine sogenannte Vollstreckungsunterwerfungsklausel unterschrieben, die sicherstellt, dass der Vermieter ohne Gerichtsbeschluss räumen lassen kann. Dieser Knebelvertrag ist ein Skandal und unwürdig gegenüber einer Familie, die auf dem Betrieb des Ladens ihre Existenz aufbaut.
Gegen diese Ruck-Zuck-Verdrängung eines Ladens und einer Familie aus dem Kiez erhebt sich die Nachbarschaft. Wir haben nur noch 6 Wochen Zeit, denn Ende März soll der Laden geräumt sein. Also los jetzt! Kommt auf die Straße – von nun an jeden Samstag um 16 Uhr vor dem Laden!

– Februar 2017 –

Die Nachbarschaftsinitiative „Bizim Kiez – Unser Kiez“ wird eingeschaltet

Bei den Veranstaltungen, die Bizim Kiez zusammen mit anderen Initiativen aus Kreuzberg anlässlich der vielfachen Verdrängungen von Gewerbetreibenden im Viertel bestreitet, wird der „Fall Bantelmann“ veröffentlicht. Eine erste Kundgebung vor dem Laden in der Wrangelstraße findet am Samstag, den 18. Februar um 16 Uhr statt. In einem Video wurde der Fall anschaulich dargestellt und in seiner ganzen empörenden Dimension deutlich.

– Januar 2017 –

Brief von MdB Cansel Kiziltepe (SPD) bleibt unbeantwortet

Die Abgeordnete im Deutschen Bundestag für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist um die Ecke in der Falckensteinstraße aufgewachsen. Sie kennt alle Mieter/innen persönlich und setzt sich für die Familie ein. Ein Schreiben an die Eigentümer in Wien bleibt bis heute unbeantwortet.

Frau Kiziltepe schreibt: Diese Kündigung wird zur Verdrängung des Haushaltswarengeschäfts führen und damit zur Entmischung des Kiezes beitragen. Dabei geht es im konkreten Fall nicht um ein beliebiges Geschäft, sondern um eine Einrichtung von großer sozialer Bedeutung im Kiez.
Nach der Übernahme des Geschäfts durch Frau Lack und Herrn Eymir Ende 2012 hat die Bedeutung des Geschäfts für den Kiez und die anderen Hausbewohner zugenommen. Dies ist angesichts der stetig voranschreitenden Verdrängung von Kleinstgewerben in Kreuzberg eine nicht zu unterschätzende Erfolgsgeschichte. Vor allem für wenig mobile Menschen vor Ort, wie beispielsweise Seniorinnen und Senioren ist das Haushaltswarengeschäft Bantelmann ein wichtiger Anlaufpunkt und von großer Bedeutung für die wohnortnahe Versorgung mit Produkten des alltäglichen Bedarfs.“ 

Den Eigentümern ist es egal.

– Oktober 2016 –

Die Kündigung kommt – Verhandlungen werden abgelehnt

Völlig überraschend erhält Alexandra Lack Anfang Oktober 2016 die fristgerechte Kündigung, die zum 30. März 2017 gültig wird. Sie hat die beiden Ladenflächen (links und rechts der Haustür) abzugeben, wodurch Alexandra und Mesut direkt in die Arbeitslosigkeit gestoßen werden.

– September 2015 –

Alles gut bei der Bantelmann-Familie

Da ist die Welt noch in Ordnung. Die deutsch-türkische Familie betreibt mit viel Herzlichkeit den Laden – Kinder und Kunden bilden zusammen eine Arte erweiterte Familie. Das ist das Kreuzberg, das wir lieben und für das wir alle solidarisch auf die Straße gehen, wenn es bedroht wird! In dieser Zeit wurde der Laden auch im Kiezkalender dokumentiert.

– ??? –

Das Haus wird erneut verkauft eine neue Hausverwaltung kommt

Das Haus in der Wranglestraße 86, 10997 Berlin wechselt den Eigentümer. Im Grundbuch wird die österreichische Firma SIAG Berlin Wohnimmobilien GmbH eingetragen, die den beiden Gesellschaftern Mag. Ernst Vejdovszky & Mag. Friedrich Wachernig gehört. Diese beauftragen die Maior Domus Hausverwaltung GmbH, die mit dem Slogan „Wohnen ist Lebensgefühl“ wirbt. Dass aus dieser Zusammenarbeit für Mieter/innen eher ein Lebensgefühl der Angst droht, zeigen Erfahrungsberichte z.B. beim „Mieterecho“ (der Mitgliederzeitung der Berliner MieterGemeinschaft). 

Bei diesen Herren haben wir es mit echten Immobilien-Strategen zu tun. Sie bilden zusammen auch den Vorstand der „S Immo“, die gerade 2016 mal eben 1500 Wohneinheiten „zu Kasse“ gemacht hat. Auch ansonsten kommt da ordentlich was zusammen:Die S Immo hat ihr EBT im Vorjahr auf 112 Millionen nahezu verdoppelt, das EBIT wuchs um 20 Prozent. Die Gesamterlöse der S Immo lagen 2015 bei 190,7 Mio. Euro und damit nur leicht über dem Vorjahr mit 188,5 Mio“. (Quelle: immobilien-magazin.at)

– Ende 2012 –

BBB – Bantelmann Betriebe Berlin wird von Alexandra Lack übernommen

Der „alte Bantelmann“ war eine wichtige Bezugsperson der kleinen Alexandra, die im gleichen Haus aufwuchs. Sie war oft im Laden und viele Kund*inn/en glauben gar sie wäre die Tochter des Chefs. Als im Erwachsenenalter ihre Lebens- und Karrierepläne etwas ins Wanken geraten, kommt sie zurück in den Laden und wird von ihrem alten Wahl-Onkel aufgefangen. Er half sie nur aus und dann wird sie zu neuen Chefin, als Herr Bantelmann in den Ruhestand geht. Sie führt, gemeinsam mit ihrem Mann Mesut Eymir, den Laden mit günstigen Restposten weiter und belässt es auch beim Namen „Bantelmann“. Der Mietvertrag wird auf sie übertragen. 

– 2004 –

Die GSW wird privatisiert, das Haus mehrfach weiterverkauft

Nachdem der damalige Rot-Rote Senat unter Harald Wolff (Die Linke) als Bausenator die städtische GSW privatisiert hat, wurde auch das Haus in der Wrangelstraße 86 verscherbelt. Danach wurde es mehrfach mit enormen Gewinnmargen weiterverkauft. Das Geschäft war für jeden „Zwischenhändler“ so lukrativ, dass sich niemand weiter um die Wohnungen und die Hausverwaltung gekümmert hat. Wozu auch, denn die Häuser wurden nu als Handelsware verstanden, wobei die Dienstleistung „Wohnen“ und die damit verbundenen Mieteinnahmen keine Rolle bei den Profiterwartungen spielte.

– Seit 1980 –

BBB – Bantelmann Betriebe Berlin in der letzten Ecke West-Berlins

1980 eröffnet Herr Bantelmann den Gemischtwarenladen „Bantelmann Betriebe Berlin“ im abgelegenen „Mauerkreuzberg“ SO36. Aus dieser Zeit stammt der Begriff der „Kreuzberer Mischung“, denn im Bezirk gab es alles und von allen. Das Viertel ist zu diesem Zeitpunkt stark von migrantischen Familien – oft türkisch-kurdischer Herkunft – bewohnt. Dies vor allem deshalb, weil in Berlin sogenannte „Gastarbeiterfamilien“ nur in bestimmte Bezirke – als wenig attraktiv geltende Viertel – ziehen durften. Dazu bekamen sie von den Behörden einen Stempel in den Pass – geplante Ghettoisierung und Halbsozialisation! Kreuzberg war grau und heruntergekommen, weil die damaligen Stadtstrategen am liebsten alle Altbauten der historischen Luisenstadt abreißen lassen wollten – für den Autobahnbau! Glücklicherweise hat die „Hausbesetzerszene“ der 70er und 80er Jahre hier das Schlimmste verhindert und mit Instandsetzungen gezeigt, wie nicht nur die gewachsene Stadt erhalten werden kann, sondern wie eine „soziale Stadt“ gelebt werden kann. Viele der damaligen Projekte sind bis heute wichtige Stützen, die für Kreuzberg bis heute eine gewisse Resilienz gegen den Angriff der Immobilienwirtschaft bilden.